Schwule in der Schweiz und ihre Geschichte – Überblick
1968–1979 Der gesellschaftliche Aufbruch
Am 10. Dezember 1967 gründete eine Gruppe von meist jüngeren KREIS-Abonnenten eine neue Zeitschrift mit Namen Club 68. Zugleich schuf dieselbe Gruppe den national gedachten Verein Club 68, der sich ab April 1971 SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen) nannte. Die Gründungsmitglieder verstanden sich als Nachfolger des KREIS – auf sehr beschränkter Ebene, denn alles musste nebenberuflich geleistet werden. Club 68 existierte bis Ende 1971. Ein Teil desselben Redaktionsteams gründete im Februar 1972 die neue Zeitschrift hey, welche bis Ende 1984 das Organ der SOH war. Im Dezember 1994 löste sich die SOH auf mit dem Wunsch an jedes Mitglied, sich der neuen nationalen Dachorganisation Pink Cross anzuschliessen.
1968 begannen in Westeuropa die Studentenunruhen, welche bekannterweise zu weitgehenden gesellschaftlichen Veränderungen führten. In Zürich revoltierte die «autonome Jugend» und forderte die Polizei, sodass diese praktisch keine Kräfte mehr gegen Schwule einsetzen konnte. Die Schwulen fühlten sich endlich von der Repression befreit und begannen nach neuen Gesichtspunkten sich neu zu organisieren: selbstbewusst, revolutionär, die Öffentlichkeit nicht mehr scheuend. Man wollte die Unterdrückung auf breiter Basis beseitigen und wählte offensive Strategien, die von ausländischen Modellen der Studentenbewegung inspiriert waren.
1971 gründeten Studenten der beiden Hochschulen Zürichs ein schwul-lesbisches Zentrum, dem sie den Namen Zabriskie Point gaben (nach einem gleichnamigen Kultfilm jener Zeit). Im Frühjahr 1972 gelang es, das neueste Werk des jungen deutschen Filmemachers Rosa von Praunheim vorzuführen: «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt». Darauf kam es am 22. März zur Gründung der HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich). Mitglieder der HAZ organisierten im Juni 1972 eine analoge Filmvorstellung unter schwul-lesbischen Studierenden in Basel und Bern, was die Gründung der HABS (30. Juni) und der HAB (6. Dezember) bewirkte. In den kommenden Jahren wurden weitere ähnliche Gruppierungen in anderen Städten wie St.Gallen und Luzern ins Leben gerufen und im Dezember 1974 gaben sich die HA-Gruppen einen nationalen Dachverband: HACH, welcher 1995 in Pink Cross überging. Bereits 1973 war die Loge 70 für Ledermänner entstanden. Sie spielte später in der AIDS-Krise eine wichtige Rolle.
1978 war es so weit: man konnte öffentlich auftreten und Forderungen präsentieren, denn alle Gruppierungen spannten zusammen; man war stark geworden. Das zeigte sich in Ansätzen bei der berühmten Telearena des Schweizer Fernsehens vom 12. April. Am 24. Juni kam es zu einem ersten CSD (Christopher Street Day) mit Demonstration in Zürich. Geplant und durchgeführt wurde der Anlass von HAZ, SOH und HFG (Homosexuelle Frauengruppe) zur Sammlung von Unterschriften zwecks Abschaffung der polizeilichen Homo-Register. Es kamen fast 5500 Unterschriften zusammen. Man ging damit an die Presse und erzwang die Vernichtung der Kartei per 1. Februar 1979. Nun gingen auch die Berner und später die Basler in ähnlicher Weise vor.
In der Folge gab es jährlich eine CSD-Demonstration. 1979 in Bern zur Abschaffung der Homo-Register, was erst 1990/91 endgültig erzwungen wurde. 1980 in Basel, wo man die Homo-Register schon im Vorfeld löschte. Spätere wichtige CSDs mit anderen Zielsetzungen fanden 1981 in Lausanne und 1983 in Luzern statt.
1982 konnte die noch heute bestehende Organisation Dialogai in Genf gegründet werden.
Im selben Jahr fand sich auch die Gruppierung HuK, Homosexuelle und Kirche, zusammen, zunächst in Bern, dann kamen Gruppen in Zürich und Basel hinzu. Der schliesslich entstandene Verein HuK-Schweiz löste sich 1999 auf und besteht nun weiter als Arbeitsgruppe «Plattform Religion» von Pink Cross.
1983 wurde VHELS gegründet, die nationale Vereinigung homosexueller Erzieher/innen und Lehrer/innen. 1997 ging sie in Pink Cross über, wo die Arbeitsgruppen «Jeunesse et école» (Jugend und Schule) und «GLL, Gay and Lesbian Love, das andere Schulprojekt», entstanden.
Mit HuK und VHELS sind auch Religion und Erziehung, jene Bereiche also, die in der Abendländischen Kultur traditionsgemäss homosexuelle Menschen vehement ablehnen und alles Homosexuelle ausgrenzen, in die allgemeine Schwulen- und Lesbenbewegung einbezogen worden. Einige positive Veränderungen gab es im Personellen bei Schule und Erziehung (Anstellung von homosexuellen Lehrkräften) und bis zu einem eher kleinen Grad auch (und nur!) bei reformierten und christkatholischen Landeskirchen (offizielle «Segnungsfeiern» für gleichgeschlechtliche Paare).
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