Gipfelstürmer auf das Breithorn, einem 4000er
Bleibende Erinnerungen an das alpine Wochenende
in Zermatt
Als spezielles, verlängertes Erlebnis-Wochenende in Zermatt war es angekündigt worden. 21 NETWORKer und deren Lebenspartner liessen sich vom Programm beeindrucken und reisten in die Walliser Alpen. Sie durften einige Abenteuer erleben, sportlicher Art vor allem, wobei das Gesellige und Genussvolle nicht zu kurz kam. Dazu kulturelle Einsichten in das Wesen der welterfahrenen und etwas spleenigen Zermatter. Der Bericht eines begeisterten NETWORKers:
Als 1785 die ersten Touristen ins Dorf kamen flüchteten die Einwohner in ihre Hütten. Der Pfarrer erbarmte sich der Fremden und brachte sie im Pfarrhaus unter. Seitdem haben die «Zur Matte» wohnenden Vertrauen in die Qualitäten ihres Bergdorfes gefasst und sind auf den Geschmack (und das Geld) der Alpinisten gekommen. In Spitzenzeiten belagern 29‘000 Menschen das Dorf am Fusse des Matterhorns, dass auch einige bekannte NETWORKer hervorgebracht hat, die ein extrem erlebnisreiches Programm organisiert haben. Herzlichen Dank für ein unvergessliches Erlebnis und die erstklassige Auswahl von Unterkünften, Bergführern, Gastwirten und Betthupferln!
Aus Brüssel, Südafrika und Amsterdam, Basel und Zürich waren die NETWORKer, oft mit Partner, angereist, quartierten sich im noblen «Schlosshotel Tenne» oder gutbürgerlichen «Chesa Valese» ein und lernten sich beim Begrüssungscocktail kennen. «Ahs» und «Ohs» gabs bei denjenigen, die sich nach langer Zeit wiedersahen oder beim ersten Handschlag mit sympathischen Neuzugängen. «Ahs» und «Ohs» hallten auf dem Weg zum Apéro von der «Zum Steg Brücke», voller Bewunderung für das im abendlichen Glanz erstrahlte Matterhorn. Es hatte einen Hut, so wurd’ das Wetter ... na ihr wisst schon.
Der Zermatter Künstler und Designer Heinz Julen hatte extra für uns sein Kinobaratelierdesignstudio geöffnet und uns mit einem der ehrgeizigsten Bauprojekte in der Geschichte Zermatts eingeführt: Errichtung und Teilabriss des «Into the Hotel», an dem er zu gleichen Teilen mit der Familie Scherrer (USM) beteiligt war. Die DVD-Dokumentation über die Eröffnung und die Zerstörung des spektakulären Designhotels, welches nur sieben Wochen in Betrieb war, verschlug uns den Atem. Bei einem Bauvolumen von 40 Millionen Franken zerfiel die Allianz von Kunst und Kapital. Tröstend jedoch, dass Julens Stühle heute noch bei Abba-Frida stehen. Seine öffentliche Lavabo-Plastik «Überfluss» in der Einkaufsstrasse Zermatts hat er der Gemeinde geschenkt, bevor Scherrers das brandneue Julen-Mobiliar des Hotels auf den Scheiterhaufen schmissen. Die Kunstbeflissenen und juristisch versierten unter uns nahmen Heinz unter die Fittiche. Jesusgleich sass er in der Mitte der langen Tafel und konnte doch nicht so recht geniessen, was die italienische Küche uns Erlesenes zubereitet hatte. Hier im «Grampis» hat sich Zermatt in punkto Service und Personal die ersten goldenen NETWORK-Kochlöffel verdient. Bravo, Bravissimo!
Künstler-Julens Vater hatte einige bekannte Bergfilme gedreht, so ahnten wir, was uns bevorstünde. Donnerstagmorgen brachen wir auf, diese Szenerien selbst zu erleben – immer bereit jeden Moment in die Kamera zu lächeln, sollte ein weltbekannter Regisseur zufällig diese Tradition hier fortsetzen. Ein Teil der Truppe zog friedlich aus, Pflanzen zu bestimmen, der andere stürmte mit Seil und Gurten ausgerüs-tet der Gorner Schlucht entgegen. Wenn Engel reisen, legen treusorgende Schwestern meistens eine kleine Aufmerksamkeit ins Gepäck. So geschehen bei Willy, der uns eifrig vorführen konnte, wie die Harnesse seiner Schwester angelegt werden und dabei dem Albert «aufsass» der meinte, die zentrale Mittelschlaufe müsse noch um den Prinz Albert herum gelegt werden, damit bei einem Absturz das Gemächt nicht schaden nähme.
Nach fachkundiger Beratung in der Mietstation waren wir alle schlauer und es ging los. «Nothing for real girls», hiess es galgenhumorvoll. Dann ergriff der erste beherzt das Tau und die Füsse verloren Bodenhaftung. Tarzangleich pendelten einer nach dem anderen über tosende Bergbäche, liess sich am neuen Seil des Bergführers herunterrapunzeln und hoffte insgeheim auf glitschigen «Schwebebalken» 50 Meter über dem Abgrund noch eine gute Figur zu machen. Die ausgewaschenen, grünschimmernden Marmorblöcke unter uns erinnerten an Skulpturen von Henry Moore oder Hans Arp. Erstarrte Eisfontänen und kristallklare Pfützen reflektierten das spärliche Sonnenlicht, doch wurden wir dieser Märchenwelt nur allzu selten gewahr. Denn selbst routinierten Kletterern stand die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Sowohl in der A- wie der B-Note hätten wir alle versagt. Mut, nicht Schönheit war hier gefragt. Am Ende lagen sich Freunde und Fremde in den Armen und beglückwünschten sich gegenseitig.
Ermattet wie wir waren mussten wir mit einem Fondue oberhalb Zermatts, in Furi, uns wieder aufbauen. «Ein Mann ohne Bauch ist wie ein Himmel ohne Sterne» stand als rustikaler Spruch in der Hütte geschrieben. Diesem Motto folgend, kugelten wir zu später Stunde mit Taschenlampen ausgerüstet unter Mondschein und schweigenden Wipfeln die Waldwege hinab. Manch einer musste spätestens jetzt seine Angehörigen telefonisch unterrichten, dass er wohlbehalten von den Exkursionen zurückgekehrt war. Während der Autor im Chesa Valese die Lichter löschte, ging im «Pöstli» die Nachsaison-Post ab, bis vier Uhr morgens. Respekt: alle Nachteulen waren am Morgen danach durch glückliche Umstände erweckt. pünktlich an der Seilbahn zum Kleinmatterhorn, von wo aus die Breithornbesteigung begann. Der dreistündige Aufstieg zum Gipfel war gewiss kein neuer Rekord, aber beim strahlenden Gipfelfoto konnten wir nicht ahnen, dass wir fast ebenso lange für den Abstieg brauchen sollten.
Von vorne tönt es: «noch 15 Minuten». Von hinten: «Wir müssen doch nicht pressieren.» Wir rutschten und stolperten zusehends ineinander. Die Steigeisen hatten die Pet-Flaschen und Haferkeksverpackungen längst zerstört. Mit «Müesli» im Rucksack, die Ohren sausend, durch sonnengequälte Augen auf den nächsten Ausrutscher des Vordermannes wartend, blickten wir sehnsüchtig nach der Seilbahnstation. Das Blut hämmerte im Kopf, Übelkeit kam auf. Auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet haben wir den Gänsemarsch dennoch eingehalten und gegen 15.30 Uhr die rettende Seilbahnstation erreicht. «I’ve seen it now», möchte ich sagen. Die anderen 28 Viertausender auf Schweizer Gebiet werde ich mit dem Heli überfliegen. Talabwärts brauchte ich mehrere Stunden mit heissem Tee, warmem Bad und einer 100-Gramm-Dosis Schokolade, um mich langsam zu regenerieren. Alle waren heil zurückgekommen. Das war das Wichtigste. Was sonst geschehen wäre, erfuhren wir am nächsten Morgen, als wir über die Friedhöfe im Kirchgarten geführt wurden.
Am Abend gab es nicht, wie ursprünglich geplant, einen Kinofilm in Heinz Julens Kinobarkünstleratelierdesignstudio zu sehen, dafür aber eine Live-Performance von Urs (alias Dan Daniell), dessen Restaurant «Chez Heini» zurecht für seine Lamm-Spezialitäten und die extrovertierten Shows seines Besitzers bekannt ist. Unter geschmäcklerischer Tischdekoration schmachtend, wurde Bergmannsgarn gesponnen und so mancher leckte ein bisschen die eigenen Wunden oder biss noch mal herzhaft in die des Nachbarn. Es gab Zapfen im Wein, nackte Weiber auf dem Teller, Schwarznasenschafe auf Leinwand und ein «Sex-Gang-Menu», das durch ein exzellentes Campari-Sorbet abgerundet wurde.
Goldene NETWORK-Kochlöffel wurden auch hier vergeben – für die goldene Stimmgabel reichte es indess nicht ganz. Die Tischordnung wechselte erfreulich oft, so dass man(n) auch am letzten Abend noch neue Bekanntschaften schliessen konnte – wenn auch nicht mit dem Fernsehmoderator (und jetzigem Restaurantpächter), Heinz Margot, am Nachbartisch, der bereits von einer Fangemeinde umlagert war. Als die als Grappa getarnte «alte Zwetschge» hinuntergestürzt wurde, zog sich der Autor zurück. Wer mit wem, wann, wo und wie in jener Nacht ... wird nicht verraten, aber vielleicht eines Tages im Ortsmuseum veröffentlicht.
Hierher zog es nach dem Dorfrundgang am Erstkommunion-Sonntag noch einen harten Kern von uns. Zur nachbereitenden Lektüre sei das Buch des heute 103-jährigen Zermatters Ulrich Inderbinden empfohlen «Ich bin so alt wie das Jahrhundert.» Der älteste Bergführer der Welt hat nämlich mit 90 Jahren noch das Matterhorn bestiegen (von einer Frau ist nichts bekannt). Er ist wohl der lebende Beweis dafür, dass sich in Zermatt gut altern lässt. Aus der Schuldenfalle hat sich die Gemeinde bereits gelöst, genug Mitglieder für einen NETWORK-Stammtisch gibt es auch und nach dem goldenen Zeitalter der Alpinisten Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich eine Wellnessgeneration etabliert. Unterhalb Täschs entsteht ein Golfplatz und im Casino kann jeder seine gewonnenen Einsichten vermehren.
Dieses Wochenende war persönlich wie sportlich ein grosser Gewinn. Danke und Auf Wiedersehen Spermatt.
*Name von der Redaktion geändert. Der Begriff wurde in der ersten Nacht im Hotel Chesa Valese durch einen Zahnarzt geboren, der den Mund wohl allzu voll genommen hatte.
1. bis 4. Mai, 2003