Der NETWORKer Claude Janiak in den Ständerat gewählt
In den nationalen Wahlen vom Herbst 2007 haben die Wähler des Kantons Basel-Land Claude Janiak mit einem Glanzresultat in den Ständerat gewählt. Nach acht Jahren im Nationalrat, den er 2005 präsidierte, politisiert er nun im «Stöckli».
Der NETWORKer Claude Janiak ist Nationalratspräsident
Der Nationalrat hat den 57-jährigen Baselbieter Sozialdemokraten aus Binningen am 28. November 2005 für ein Jahr zu seinem Präsidenten gewählt. So wie das eigentlich schon vor zwei Jahren vorgespurt war. Doch die unspektakuläre Wahl ist ein historisches Ereignis. Zum ersten mal wählte das Parlament einen offen lebenden Schwulen in ein hohes Amt. In seiner Antrittsrede, die er auf Italienisch hielt, dankte er seinem Lebenspartner Saverio für die Unterstützung. Die ganze Presse kommentierte seine Wahl wohlwollend und sachlich, nur der Blick versuchte ein Sensatiönchen zu machen und titelte: «Ein Schwuler ist höchster Schweizer». Weiter heisst es «der bekennende Homosexuelle».
Der neue Präsident der grossen Kammer wird von Beobachtern als distinguiert im Auftritt und sachlich in der Argumentation beschrieben. Dass er dereinst zum höchsten Schweizer gewählt würde, war ihm nicht an der Wiege gesungen worden.
Claude, Jahrgang 1948, ist der Sohn eines im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz internierten Polen und einer sizilianisch-schweizerischen Mutter. Sein Vater war bei der Ciba angestellt und musste 1949 auf eine Geschäftsreise nach Polen. Dort wurde er als Sympathisant der Londoner Exilregierung verhaftet und sass drei Jahre wegen seiner früheren politischen Tätigkeit im Gefängnis. Nach seiner Entlassung liessen sie ihn drei Jahre nicht ausreisen. Claude hat sein Vater erst kennen gelernt, als er 6 Jahre alt war. Da seine Mutter wegen der Heirat mit einem Ausländer ihr Schweizer Bürgerrecht verloren hatte, musste die Familie allmonatlich bei der Fremdenpolizei in Basel antraben. 1956 wurde die Familie eingebürgert, Claude besitzt den Schweizer wie den polnischen Pass.
Er ist seit 1971 Mitglied der SP, war 1975 bis 1979 Gemeinderat (Exekutive) von Bubendorf/BL, 1988 bis 1995 Einwohnerrat (Legislative) von Binningen/BL, 1981 bis 1987 und 1994 bis 1999 Landrat (Legislative des Kantons Basel-Landschaft), 1998/1999 war er Landratspräsident. 1989 bis 1995 war er Präsident der SP Baselland, 1995 bis 1997 Präsident der Fraktion im Landrat.
An den eidgenössischen Wahlen 1999 kandidierte er als Ständerat und Nationalrat für den Kanton Basel-Landschaft. Gewählt wurde er in den Nationalrat, in den Wahlen 2003 konnte er sein Mandat mit einem Glanzresultat verlängern. Kurz nach seiner Wahl zum zweiten stellvertretenden Nationalratspräsidenten 2003 stand das eidgenössische Partnerschaftsgesetz zur Debatte. Mit einem engagierten und persönlich gefärbten Votum eröffnete er die Diskussion.
Im Vorfeld der Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz 2003 im Parlament hielt die Bischofskonferenz alle katholischen Parlamentarier an, dagegen zu stimmen. Wer dem nicht folge, versündige sich vor Gott. Das ging Claude zu weit, er ist daraufhin aus der Kirche ausgetreten. Der Blick machte eine grosse Story daraus, Claude gewährte dem Blick auch ein Interview. Seither ist es in der ganzen Schweiz bekannt, dass er mit einem Mann zusammen lebt. Der Tages-Anzeiger bezeichnet ihn jedes Mal, wenn er über ihn berichtet, als «bekennenden Homosexuellen». Er habe solange nichts dagegen, solange die anderen als «bekennende Familienväter», «bekennende Heteros» oder «bekennende Bordellgänger» bezeichnet werden. Sonst sehe er das als Diskriminierung, meint er zur Wortwahl in der Medienleute. Das Volk habe als Wähler ein Anrecht zu wissen, mit wem er zusammenlebe. Aber es werde keine Homestory von ihm in der Schweizer Illustrierten geben, Privates gehöre nicht in die Medien.
Seine berufliche Karriere beschreibt er als relativ langweilig. Nach dem Jus-Studium war er von Anfang an als Anwalt selbständig tätig. Er konzentrierte sich auf das Strafrecht, war für viele Pflichtverteidiger und hatte ein paar spektakuläre Fälle zu betreuen. Dadurch wurde er schnell bekannt. Zivilrecht, Arbeitsrecht, Öffentlichkeitsrecht, vor allem auch das öffentliche Beschaffungswesen sind heute seine bevorzugten Tätigkeitsgebiete; Strafrechtsfälle hat er nur noch vereinzelt.
Innerhalb der SP vertritt er eher den rechten Flügel und weicht hin und wieder von der offiziellen Parteilinie ab. Vor allem bei jenen Fragen, wo sich die gewerkschaftliche Seite mit seinen konservativen Haltungen durchsetzt, bekundet Claude Mühe. «Man kann doch nicht einfach behaupten, dass alte Leute oder kinderlose Witwen a priori bedürftig sind», kritisiert er etwa das Besitzstanddenken bei der AHV. Seine bevorzugten Politikfelder bilden Verfassungsfragen, Ausländer- und Asylrecht und spezifisch juristische Themen. Besonders stark engagierte sich Claude für das Partnerschaftsgesetz, wo er trotz der teilweise sehr emotional geführten Debatte immer sachlich geblieben ist. «Wenn man nüchtern argumentiert und das Temperament zügelt, erreicht man mehr», meint er dazu.
Im Grossen und Ganzen führe er ein vergleichsweise bescheidenes Leben. Er reise sehr gerne, am liebsten mit seien Freund nach Italien und Südamerika, und treibe regelmässig Sport; dafür müsse schon einmal der eine oder andere Termin verschoben werden. Seit Kindsbeinen geht er an die Matchs des FC Basel. Er gehöre zur schwulen Minderheit der Fussballfans. Er sei früher ein aktiver Fussballer gewesen, er habe zwar nicht gut gespielt, aber um so verbissener, betont er mit einem verschmitzen Lächeln.
Sein Coming-out beschreibt er als ein sich langsam entwickelnder Prozess. Er habe aber nie ein Doppelleben geführt und für ihn sei das Coming-out auch kein Drama gewesen. An Veranstaltungen und an gesellschaftliche Verpflichtungen geht er meistens mit seinem Partner. Da er immer schon selbständig war, hatte er nie das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Er hatte bis jetzt drei feste, lang anhaltende Beziehungen. Sein zweiter Partner ist an Aids gestorben, das hat ihn natürlich sehr geprägt, darum engagiert er sich auch stark in der Aidshilfe beider Basel. Er meint, das sei sicher auch der Anlass für sein endgültiges Coming-out gewesen.
Interview mit Claude Janiak >>
