Andreas Stadler, Schauspieler und Regisseur
Mit einem Freund durch die böse Welt schreiten
Interview mit dem NETWORK-Kulturpreis-Träger Andreas Stadler
Der Verein NETWORK für schwule Führungskräfte sieht seine Aktivitäten in den vier Hauptfeldern: Soziales, Wirtschaft, Politik und Kultur. Das heisst, seine Mitglieder setzen sich ein für ein Kontaktnetz gesellschaftlicher und persönlicher Begegnungen, für die rechtliche Gleichstellung Homosexueller, fördern die wirtschaftlichen Aktivitäten untereinander und setzen sich ein für die kulturellen Belange von Schwulen. Grosse Ziele, die Umsetzung fällt schwerer. In kulturellen Belangen waren wir bisher eher Konsumenten oder Einzeltäter. Daher wurde der NETWORK-Kulturpreis geschaffen für die Förderung von schwuler Kultur. Nur was ist das. Ein schwuler Künstler? Homoerotische Inhalte? Kunst für die schwule Zielgruppe?
Als Glücksfall muss man den ersten Träger des NETWORK-Kulturpreises bezeichen. Er erfüllt alle Anforderungen. Er ist schwul, er setzt homoerotische Inhalte um und er macht dies für die Gay-Community, aber nicht nur für das schwule Ghetto. Thomas Voelkin führte mit Andreas Stadler vor der Preisverleihung im April 2004 ein Gespräch.
Andreas, wie hast du erfahren, dass du den NETWORK-Kulturpreis erhältst?
Ich kannte NETWORK schon. Ich habe mal ein Solostück gemacht «Telemach-TripTerror», eine Bearbeitung eines mythologischen Stückes aus dem Odyssee-Zyklus in Mundart und spielte es auch in Zürich. Ich habe damals bei einem NETWORK-Apéro vorbeigeschaut, um Flyer zu verteilen, um für mein Stück zu werben. Daher kenne ich NETWORK.
Als ich in der Pojektierungsphase von «Gilgamesch und Enkidu» war, erinnerte ich mich an NETWORK. Ich suchte den Kontakt und wurde an Max Wiener verwiesen. Dieses Stück ist meine erste Regie, ich bin ja eigentlich Schauspieler, da muss man zuerst frech behaupten, man kann das (schmunzelt). Ich bin schon seit 20 Jahren am Theater, da lernt man einiges über die Regie. Es ist aber doch ein Unterschied wenn man ab und zu einen Anstoss für die Regie gibt oder die ganze Verantwortung trägt. Da musst du alles zusammenführen, Bühnenbild, Licht und Schauspieler.
Das Gilgamesch Epos interessierte mich schon sehr lange und ich wollte es unbedingt als Theaterstück realisieren. Ich musste mich auf die Suche nach Unterstützung machen. Nicht unbedingt zuerst nach finanziellen Mitteln, du brauchst auch jemanden, dem du erzählen kannst, was du machen willst, der dir ein Feedback gibt. Max, der ja ein begeisterter Theaterliebahber ist, hat mich in dieser Zeit mit wertvollen Tipps unterstützt. Es waren gute Gespräche und irgend einmal habe ich erfahren, dass es die Möglichkeit gäbe, mich für den NETWORK-Preis vorzuschlagen.
Es ist das erste Mal, dass der Preis vergeben wird. Ich glaube es ist ein Glücksfall für beide Seiten?
Ja, es hat eine starken homoerotischen Aspekt. Es ist die erste grosse Liebesgeschichte überhaupt und das zwischen zwei Männern. Das muss man nicht irgendwie hineininterpretieren, das ist so und steht ganz klar in diesem uralten Text. Es geht für mich klar daraus hervor, dass sie nicht nur zwei Kumpel waren, sondern auch Sex zusammen hatten. Das hat mich als Schwuler, und auch als schwuler Künstler, sehr berührt und fand, daraus muss man etwas machen. Mir gefällt daran besonders, dass alles darin so selbstverständlich ist, es ist kein Coming-out-Stück, die beiden Figuren kämpfen zuerst miteinander und nachher haben sie Sex miteinander. Schön daran ist aber auch, das alle anderen Fragen des Lebens im Stück vorkommen. Es ist nicht nur auf die schwule Thematik reduziert.
König Gilgamesch als erste schwule Führungskraft, erster schwuler Bürgermeister?
Ja, Gilgamesch ist eine historische Figur, nicht nur eine literarische. Er war der Herrscher einer Stadt, heute gibt's einige davon und ich finde es positiv, dass es nicht nur schwule Sklaven gibt!
Dein Stück basiert auf einer alten Übersetzung?
Das Gilgamesch-Epos ist relativ unbekannt. Es ist das älteste überlieferte Epos und eigentlich sollte man denken, das kennen alle. Es ist viel älter als die homerische Iliade und Odyssee oder die Bibel. Das hängt einerseits sicherlich mit dem homoerotischen Inhalt zusammen, andererseits mit der Bibel, welche die «Hure» Babylon mit ihrem Turmbau verurteilt. Für die Griechen war alles ausserhalb ihrer Welt barbarisch und minderwertig. Das ist wohl der Grund für die relative Unbekanntheit, obwohl das Epos zu den Grundlagen der abendländischen Kultur gehört. In die homerischen Epen und in die Bibel sind mehrere Aspekte eingeflossen, die Arche Noah wäre einer davon. Ein anderes Problem bei Gilgamesch ist, dass vom Original nur Fragmente gefunden wurden, die Geschichte ist daher sprunghaft. Die altmodischen Übersetzungen sind zudem schwer lesbar. Die neue von Raoul Schrott ist viel verständlicher und wirkt durchaus modern, der heutigen Zeit entsprechend. Sie wirkt sehr direkt und einfach, ich glaube sie entspricht dem Original am meisten, weil sie ohne Firlefanz geschrieben ist.
Wie hast du die Textvorlage fürs Theater umgesetzt?
Als ich den Leuten von meinem Projekt erzählt habe, meinten viele, das ist aber schwierig und kompliziert. Ich spürte eine intellektuelle Angst vor diesem grossen Mythos. Deswegen habe ich eine Rahmenhandlung dazu gestellt, diese ist bewusst trivial und einfach. Zwei britische Archäologen stolpern mit einem arabischen Helfer durch die Wüste und wollen unbedingt etwas finden. Nach dem Zerbrechen der Texttafel verwandeln sich die Figuren in einem spielerischen Übergang in die mythologischen. Sie fangen an zu fantasieren, was auf diesen Scherben steht, stehen könnte und verstricken sich mehr und mehr mit der Geschichte. Das Problem ist, wie stellt man heute Helden dar, Gilgamesch und Enkidu sind einerseits ganz normale Menschen, anderseits sind sie göttliche Helden. Mit der Rahmenhandlung ermögliche ich dem Zuschauer in die Handlung hineinzurutschen.
Das Tolle an diesem Epos ist seine Einfachheit, seine fast kindliche Handlung und sein derber Humor. Es behandelt zwar wichtige Themen der menschlichen Existenz wie Eifersucht, Liebe, soll ich mich für die Frau oder den Mann entscheiden, doch die Handlung ist eher leicht, nicht besonders intellektuell tiefgründig. Was mir wichtig erscheint, als Kind hatte ich immer den Wunsch, mit einem Freund durch die böse Welt schreiten zu können. Diese Sehnsucht habe ich auch heute noch. Das Epos verwirklicht dies in wunderbarer Weise.
Das Stück wurde in Berlin uraufgeführt. Kommt ein vorwiegend schwules Publikum um das Stück zu sehen? Wie sind die Reaktionen?
Ich glaube in Berlin war das ganz normale Theaterpublikum an den Aufführungen. So etwa 10% Schwule darunter, für Berlin das Übliche. Wir haben im «Tacheles» gespielt, ein ziemlich abgefuckter Ort, ich hatte aber den Eindruck, da war nicht nur die alternative Szene dabei. Man weiss nie, woher und warum das Publikum kommt. Ein Stück mit schwuler Thematik wirkte vor zehn Jahren noch als Magnet für die Schwulen – endlich mal was für sie! Heute ist das nicht mehr so, ich bin aber nicht unglücklich darüber, es passt zum Stoff, dass man kein Ghetto-Stück daraus macht. Ich bin froh, dass die Selbstverständlichkeit der Geschichte auch im Publikum da ist.
Wenn ich mit Besuchern über das Stück diskutiere, spüre ich allerdings bei den Schwulen ein gösseres Verständnis, irgendwie transportiert es ihre Sehnsüchte. Die Frau, das Weibliche spielt im Stück auch eine grosse Rolle, es ist für Gilgamesch irgendwie eine Bedrohung, der Mutter, die sehr dominant bestimmen will, muss er sich entziehen. Das ist wahrscheinlich bei jedem Schwulen so, es ist ein schwules Grundgefühl, das viele kennen. Klar heterosexuelle Männer haben auch Angst vor der Frau, sie erleben das aber anders, sie fühlen sich eher überfordert als zurückgebunden.
Ein weiterer schwuler Aspekt ist die Krankheit, das Dahinsiechen von Enkidu, das gut in unsere Generation passt. Viele von uns haben diese Erfahrung machen müssen, das blühende, junge Menschen die wir lieben vom Tod hinweggerafft werden. Diese Konfrontation mit dem frühen Tod ist für die Überlebenden kaum zu akzeptieren, das gehört zur heutigen schwulen Wirklichkeit. Das alles hat mich sehr berührt und war der Grund, warum ich dieses Stück realisieren wollte. Der Mythos ist erstaunlich aktuell.
Nach Berlin und Dornach spielt ihr nun in Bern, dann in St. Gallen und Zürich. Wie geht die Tournee weiter?
Der logistische Aufwand ist sehr gross. Obwohl nur drei Schauspieler im Stück auftreten. Ohne Manager bin ich überfordert, weitere Spielorte zu suchen. Wir werden in Zürich das Stück 26 mal gespielt haben, das ist relativ viel für so eine Produktion. An einem festen Theater macht man in der Regel etwa gleich viele Vorführungen. An ein Festival würde ich mich aber gerne einladen lassen.
Hast du ein neues Projekt? Möchtest du etwas darüber erzählen?
Gilgamesch und Enkidu war für mich wie ein Test. Kann ich Regie führen oder nicht? Ich habe den Eindruck das Debüt ist gelungen und ich verspüre Lust, wieder Regie zu führen. Allerdings muss ich von einem Thema besessen sein, um mich voll dahinter zu stellen. Zwei, drei Themen schwirren schon in meinem Kopf, aber noch nichts, was mich wirklich gepackt hätte. In nächster Zeit werde ich wieder am Deutschen Theater in Berlin als Schauspieler auf der Bühne stehen.
Wie wäre das, wenn jemand kommt und dir die Regie für ein klassisches Stück anböte?
Ja klar natürlich, ich mache das! Ich möchte möglichst bald wieder Regie führen. Ermutigt durch den NETWORK-Preis und durch die Reaktionen von Schauspieler-Kollegen, welche andeuteten mit mir spielen zu wollen. Es ist schauspielerfreundliches Theater, das ich mache. Ich komme vom Spielen, ich weiss was die Schauspieler können, ich lasse sie spielen und ihre Talente einbringen. Das hat gefallen. Ich bin nicht der, welcher ein Kopf-Konzept auf der Bühne verwirklichen will, was aber durchaus auch eine Art sein kann, wie man Regie führt. Ein klassisches Stück braucht aber auch seine Zeit für die Bearbeitung, auch es muss reifen können.
Da bleibt nur zu wünschen, dass deine Ambitionen und Wünsche erfüllt werden.
Andreas vielen Dank für das Gespräch
