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Die sexuelle Orientierung hat biologische Ursachen

Homosexualität ist vorbestimmt – Stand der aktuellen wissenschaftlichen Debatte

Die Welle der Ex-Gay-Bewegung schwappt immer mehr von den USA nach Europa über. Mit der Zunahme der «Umerziehungskurse» ist die Kenntnis der wissenschaftlichen Erklärungen für die Homosexualität einer versachlichenden Diskussion dienlich. Nachfolgend eine Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse.

 

Ägyptisches Grabrelief, ca. 2550 v.Chr.

Das Fragen stellen ist unausweichlich

Wissenschaftliche Antworten auf die Frage nach dem Auftreten der Homosexualität sind in einem Teil der aufgeklärten Schwulen- und Lesbenkreisen unbeliebt. Man überlegt: «Was kommt denn, wenn wir genau wissen, warum Menschen homosexuell werden? Da kommt doch nachfolgend die Frage, wie man es verhindern kann!»

Diese Bedenken sind richtig und müssen in die Ethikdiskussion eingebunden werden. Fragen nach den Ursachen können wir aber nicht verhindern. Denn glücklicherweise ist das Suchen nach den Ursachen ein unentrinnbarer Instinkt des Menschen, der auch unter drakonischen Lebensverhältnissen noch weiter besteht. Leider geht dieser menschliche Instinkt nicht mit dem Drang einher, solange weiter zu fragen, bis man zu einem konsistenten Satz von Antworten kommt. In vielen Fachgebieten hat sich gezeigt, dass Menschen über Tausende von Jahren mit falschen Antworten glücklich sind. Und das auch in Zeiten, in denen einfache, verständliche, «richtige» Antworten über Jahrhunderte bzw. Jahrzehnte zur Verfügung stehen. «Richtige» Antworten heisst, dass diese im grösseren Zusammenhang gesehen, widerspruchsfrei bestehen können. Im Folgenden werden die heute bekannten Antworten zu den Ursachen der Homosexualität diskutiert. Sie helfen Schwulen und Lesben bei der Verbreitung von Verständnis, Toleranz und ethisch tarierten Grundsätzen des Zusammenlebens. Die gefundenen Ursachen zur Homosexualität helfen besorgten Eltern, die sich als Erstes fragen: «Was haben wir falsch gemacht?»

 

Die Antworten der Wissenschaft

Die Antworten auf die Frage nach den Ursachen der Homosexualität basieren auf Arbeiten, die in den letzten Jahrzehnten erstellt wurden. Das Ergebnis ist eindeutig, Hartmut Bosinski, Professor für Sexualmedizin an der Universität Kiel, hat es folgendermassen zusammengefasst: «Niemand kann zur Homosexualität oder zur Heterosexualität erzogen oder verführt werden, und man kann auch niemanden davon befreien. Die sexuelle Orientierung hat biologische Ursachen. Inzwischen glaubt man zu wissen, dass ein kompliziertes Zusammenspiel von Genen und Sexualhormonen die sexuelle Orientierung in unserem Gehirn verankert; wahrscheinlich schon im Mutterleib, wahrscheinlich bei Männern und Frauen etwas unterschiedlich und in jedem Fall unumkehrbar. Man wird schwul geboren. Oder lesbisch. Oder hetero.»

 

Frühere Ergebnisse sind widerlegt oder haben sich nicht bestätigt

Im Folgenden werden die Forschungsergebnisse im Detail behandelt. Die freudsche Erklärung, dass starke Mütter und abwesende Väter überdurchschnittlich häufig homosexuelle Söhne haben, konnte in zahlreichen Untersuchungen des Sozialisationsumfelds von Schwulen und Nichtschwulen widerlegt werden. Auch die Meldung des amerikanischen Forschers Dean Hamer aus dem Jahr 1993, dass die Anlage zur Homosexualität auf dem X-Chromosom liegt, konnte bisher trotz vieler Replikationsversuche in keinem anderen Labor bestätigt werden.

 

Griechische Vase, ca. 50 n.Chr.

Big Brother ist schuld

In den letzten eineinhalb Jahrzehnten konnte in unabhängigen Gruppen mehrfach bestätigt werden, dass männliche Homosexualität gehäuft auftritt, wenn Männer einen oder mehrere ältere Brüder haben, was auf den ersten Blick der Auffassung von Bosinski widerspricht. Der kanadische Sozialpsychologe Anthony Bogært hatte jedoch schon vor zehn Jahren entdeckt, dass bei einem Mann mit jedem älteren Bruder die Wahrscheinlichkeit, homosexuell zu sein, um beinahe ein Drittel ansteigt. «Ohne Bruder liegt die Chance, schwul zu sein, bei etwa drei Prozent, mit drei Brüdern schon bei mehr als sieben Prozent», sagt Bogært. Psychologen erklärten den «fraternal birth effect» damals mit der Nesthäkchen-Rolle des jüngeren Bruders, also der sozialen Umgebung. Das konnte Bogært nun widerlegen und erregte damit weltweit Aufsehen. Er wies nach, dass der Effekt nur bei leiblichen Brüdern auftritt. Männer, die mit älteren Stiefbrüdern oder älteren adoptierten Brüdern aufwuchsen, waren nicht häufiger schwul als Männer ohne Brüder. «Es muss also eine biologische Erklärung dafür geben», interpretiert Bogært sein Ergebnis. Anders gesagt wird die Homosexualität schon vor der Geburt festgelegt, was die «Schuld» des big brother natürlich relativiert. Die Mechanismen hinter den beschriebenen Ergebnissen könnten Effekte in der Gebärmutter, des Hormon- oder des Immunsystems der Mutter sein.

Mit denselben Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass bei Frauen die Geburtenfolge oder andere Familienkonstellationen keinen Einfluss auf die sexuelle Orientierung haben. Wenn also Frauen Lesben sind, dann sind sie das aufgrund von anderen Mechanismen. Und Männer können auch aus anderen Gründen schwul sein, sonst gäbe es keine homosexuellen erstgeborenen Söhne (obwohl Bogært zu Recht darauf hinweist, dass Erstgeborene statistisch gesehen schwer zu erfassen sind, weil Fehlgeburten häufig «vergessen» werden).

 

Gene haben einen überdurchschnittlich grossen Einfluss

Mehrere gross angelegte Zwillingsstudien offenbarten eine wesentliche Beteiligung der Gene. Eineiige Zwillinge, ob getrennt oder gemeinsam aufgewachsen, entwickeln sehr oft die gleiche sexuelle Orientierung. Ist ein Zwilling schwul, liegt die Wahrscheinlichkeit bei fast 50 Prozent, dass der andere auch Männer bevorzugt. Bei weiblichen eineiigen Zwillingen sind es 20 bis 30 Prozent, die Frauen lieben. Zum Vergleich mit der Bevölkerung geht man von etwa 3 bis 5 Prozent schwulen Männern und 2 bis 4 Prozent lesbischen Frauen aus. Die Gene allein können es jedoch nicht sein, sonst müssten eineiige Zwillinge zu 100 Prozent gleich empfinden. Aber trotzdem spielen die Gene eine wichtige Rolle, sonst läge die Übereinstimmung der sexuellen Orientierung bei männlichen eineiigen Zwillingen nahe bei 4 statt bei 50 Prozent.

 

Mögliche Prägung der sexuellen Vorliebe nach der Geburt

Es ist unbestritten, dass ein bedeutender Teil der beschriebenen Effekte zu einem Ergebnis «schwul bzw. lesbisch bei der Geburt» führt. Nach Mechanismen, die erst nach der Geburt zur Homosexualität führen, wurde sehr lange und intensiv gesucht. Diese Studien führen zusammengefasst zur Gewissheit, dass im Alter von null bis spätestens etwa drei Jahren feststeht, zu welchem Geschlecht es einen später hinzieht.

«Wir fanden eine überraschend klare Verbindung zwischen Geschlechterverhalten in der Kindheit und der späteren sexuellen Orientierung», erklärt Kenneth Zucker, Psychiater aus Toronto. Vermeintliche Klischees wurden in etlichen Untersuchungen bestätigt. Schwule erinnern sich mehrheitlich daran, nur selten gerauft und an Wettkampfsportarten teilgenommen zu haben, dafür spielten sie lieber mit Mädchen oder Puppen und verkleideten sich gerne. Lesbische Frauen sagen, sie hätten sich weniger für Schmuck oder «Vater-Mutter-Spiele» interessiert und dafür lieber mit Knaben herumgetobt. Eine Studie begleitete über Jahre hinweg 66 sogenannte Sissy-Boys, Knaben im Alter von vier bis zehn Jahren, die sich besonders deutlich wie Mädchen benahmen. In der Vergleichsgruppe waren 56 Jungen, die so spielten, wie es eher für Buben typisch ist. Das Ergebnis war, dass 75 Prozent der Sissy-Boys schwul wurden und in der Vergleichsgruppe nur ein Einziger.

 

Persische Miniatur, Ausschnitt,
ca. 1920

Der Einfluss der Hormone

Vermutlich findet die Entwicklung unserer sexuellen Orientierung bereits im Mutterleib statt, organisiert von Sexualhormonen wie Testosteron, Androgen und Östrogen. In Tierversuchen mit Ratten lässt sich das sogar beweisen. Weibchen, die im Mutterleib zu viel des männlichen Hormons Androgen bekommen, sind aggressiver und besteigen in der Pubertät ihre Artgenossinnen. Männchen, deren Androgenzufuhr gekappt wird, spielen weniger kämpferisch und bieten sich später anderen Männchen mit erhobenem Hinterteil an.

Eine seltene Stoffwechselkrankheit zeigt, dass Hormone bei Menschen ähnlich wirken. Frauen mit androgenitalem Syndrom sind vorgeburtlich zu vielen männlichen Hormonen ausgesetzt. Diese Frauen werden wesentlich öfter homosexuell. Tatsächlich weiss man seit kurzem, dass lesbische Frauen im Schnitt mehr Testosteron im Blut haben als heterosexuelle Frauen. Schwule Männer hingegen unterscheiden sich in Hormonstudien kaum von heterosexuellen. Daher geht man davon aus, dass der Ursprung der Homosexualität bei Männern und Frauen etwas verschieden ist. Vorgeburtliche Hormone spielen bei Frauen offensichtlich eine grössere Rolle. Bei Männern scheinen die Gene wichtiger zu sein.

 

«Schwule Gehirne»

Mittlerweile weiss man, dass die sexuelle Vorliebe im Gehirn abgespeichert wird, wahrscheinlich in einem kleinen Kernbereich im Zwischenhirn, dem sogenannten INAH 3-Areal. Dieses Areal ist bei Männern etwa dreimal so gross wie bei Frauen. Man vermutet, dass Sexualhormone unser Gehirn im Mutterleib unterschiedlich beeinflussen. Erstmals trug der amerikanische Neurobiologe Simon LeVay diese Idee an die Öffentlichkeit. Er verglich schon 1991 das INAH 3-Areal von Schwulen und Heterosexuellen und stellte fest, dass der Bereich bei Homosexuellen etwa die Grösse hat, wie man sie bei Frauen erwarten würde. Das lässt zumindest die Vermutung zu, dass «schwule» Gehirne eher weiblich organisiert sind. Bestärkt wird diese Theorie durch Versuche mit Ratten und Schafböcken. Letztere sind zu erstaunlichen 10 Prozent ausschliesslich homosexuell interessiert. Männliche Rattenembryos konnten durch Hormonmanipulation sogar gesteuert werden: weniger männliche Hormone, kleineres INAH 3-Areal – homosexuell. Es gelang jedoch nicht, aus einer schwulen Ratte nach der Geburt wieder eine Hetero-Ratte zu machen. Abseits aller Hormone, Gene, Zwischenhirnareale und Toleranz sind schwule Schafböcke für ihren Züchter höchst ärgerlich – sie weigern sich, für Nachwuchs zu sorgen.

 

«Rosa» Gene

Die Frage drängt sich auf, warum die Natur seit Jahrtausenden eine scheinbar nutzlose Anlage weitergibt. Die Wissenschaft ist sich einig, dass es einen evolutionsbiologischen Grund geben muss. Bisher wurde viel über schwule altruistische Tanten und Onkel spekuliert oder über Gruppenspannungen, die, wie bei den Bonobo-Affen, durch körperliche Akte befriedet werden. Ein italienischer Forscher fand nun heraus, dass Mütter von Schwulen und ihre Tanten mütterlicherseits besonders viele Kinder zur Welt bringen. Er vermutet, dass dieselben genetischen Eigenschaften, die bei Männern zur Homosexualität führen können, Frauen fruchtbarer machen. Das führt zur Erklärung, dass die «rosa» Gene über die Mutter vererbt werden. Zudem wäre der vermeintliche Evolutionsnachteil aufgehoben.

 

Keith Haring, USA, 1988

«Umerziehung» der sexuellen Orientierung

Wenn Ex-Gay-Aktivisten behaupten, man könne oder sollte Homosexuelle therapieren, dann muss man klar vor Augen führen, dass solche Massnahmen häufig in Depressionen, Psychosen und anderen Störungen münden. «Ähnlich sinnlose Umerziehungsversuche gab es früher an Linkshändern, auch da mit fatalen Folgen», sagt Bosinski. Solange man Kindern das «böse Händchen» verbot, waren sie die reinste Fundgrube für Psychiater. Erstens therapiert man nur Krankheiten. Homosexualität ist aber keine Krankheit. Zweitens beweisen unzählige seriöse Studien, dass man Schwule nicht umpolen kann. Heteros übrigens auch nicht.

«Homosexualität ist ein unveränderlicher, weil biologisch verankerter Bestandteil der Natur eines Menschen», sagt Glenn Wilson, einer der bekanntesten Psychologen Englands. Sein Buch «Born Gay» sorgte für Furore. Darin präsentiert er nicht nur unzählige Hinweise auf genetische und hormonelle Ursachen, sondern demontiert gleichzeitig alle gängigen psychosozialen Erklärungsmuster.

 

Bruderspiele haben keinen Einfluss

Die «Verführung» durch schwule Brüder findet nicht statt. «Meistens erfahren jüngere Brüder erst nach der Pubertät, dass ihr Bruder schwul ist, und homosexuelle Bruderspiele sind höchst selten.»

Stecken ältere Menschen die jüngeren mit ihrer Homosexualität an? «Unsinn. Bei willentlichen Sexerlebnissen mit Erwachsenen wussten die meisten Jugendlichen schon vorher, dass sie homosexuell empfanden.» Und ausserdem: «Wenn das erste sexuelle Erlebnis richtungweisend wäre, müssten alle Männer des Sambia-Stammes schwul sein.» Bei dem isoliert in Neuguinea lebenden Volk ist es üblich, dass sieben- bis zehnjährige Knaben ältere Jugendliche und Männer oral befriedigen, weil die Sambia glauben, dass der Samen eine Art magische Kraft besitzt. Trotzdem werden die Männer dort nicht öfter homosexuell als anderswo.

Gerade der Vergleich mit anderen Völkern legt eine biologische Erklärung nahe. «Immerhin scheint der Anteil von Homosexuellen über die Zeit und alle Kulturen hinweg konstant», argumentiert Bosinski. Auch von mindestens 450 Tierarten weiss man, dass sie gleichgeschlechtlichen Sex haben, schwule Schwäne gehen sogar lebenslange Partnerschaften ein. All das spricht sehr gegen den Einfluss sozialer Faktoren wie Erziehung und sehr dafür, dass die Natur ganz einfach mehrere Variationen im Repertoire hat.

 

 

Zusammengestellt im Januar 2007

Quellen: Süddeutsche Zeitung Magazin, Das Magazin (Tagesanzeiger), Proceedings of the National Academy of Sciences


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