Schwules Selbstverständnis heute
NETWORKer erzählen aus ihrem Leben
An einem Podiumsgespräch erzählten Männer von ihren Lebenserfahrungen als Schwuler. Es war eine erkenntnisreiche Veranstaltung. Zum Beispiel: Die heutigen schwulen jungen Menschen auf dem Lande flüchten sich nicht - wie es frühere Generationen machten - in die Städte, eher gleichen sie sich in Gehabe und Selbstverständnis der heterosexuellen Jugend im eigenen Dorfe an. Oder die Selbstverständlichkeit der Schwulen, Sexualität und Liebesbeziehung als zwei unabhängige, in höchst unterschiedlicher Ausprägung stattfindende Phänomene zu sehen, die zwar phasenweise miteinander verbunden sein können, aber nicht sein müssen. Da steht der Normalbürger Kopf und ruft nach dem Psychiater! Oder er schreit schwule Schweine!
Am Podiumsgespräch waren dabei (Namen geändert):
Albert (23), Lehrer, Gründer einer Jugendgruppe im Kanton St. Gallen und Mitinitiant einer Beratungsstelle für junge Homosexuelle, lebt auf dem Lande in der Ostschweiz
Bernhard (42), klinischer Psychologe und Dozent, lebt in Bern
Cornel (46), Arzt, lebt in Lausanne
Damian (61), Journalist, lebt in Basel
Fritz (75), Rentner, lebt in Zürich
Albert, du hast eine Jugendgruppe und eine Beratungsstelle für junge Schwule gegründet. Braucht es das im neuen Jahrtausend noch?
Albert: Als ich mein Coming-out hatte, musste man nach Bern oder Zürich um Jugendliche im gleichen Alter zu treffen, in der Ostschweiz gab es nichts. Ich habe beim Spot 25 in Zürich vorbeigeschaut und fand, so eine Gruppe brauche es auch bei uns. Wir kamen dann in Kontakt mit jungen Schwulen aus dem Appenzellerland und dem Rheintal. Die wurden teilweise massiv von ihrem Umfeld drangsaliert. Dann kam noch meine Geschichte dazu, man wollte mich umpolen. So haben wir zusätzlich die Beratungsstelle ins Leben gerufen. Meine Eltern stehen heute zu mir. Wir haben aber Probleme mit den Nachbarn, der Kontakt wurde abgebrochen, man macht einen Bogen um uns. Ich glaube alles was anders ist wird abgelehnt.
Damian, du bist fast 40 Jahre älter. Hast du das auch so erlebt?
Damian: Nein, überhaupt nicht. Meine Mutter kam aus einer «noblen» Basler Familie, mein Vater stammte aus dem Arbeitermilieu. In den besseren Gesellschaftsschichten von Basel gab es immer bekannte Schwule, das war normal. In den Kreisen aus denen mein Vater stammte und wo er als Gewerkschaftsfunktionär auch verkehrte, war das auch kein Problem. Ich bin schon im Bubenalter als Tunte rum gelaufen, das wurde akzeptiert. Nur der Umgang mit der Mittelschicht war schwierig. Warum das so ist, weiss ich nicht. Wahrscheinlich haben die Angst, etwas zu verlieren. Ich hatte nie Probleme weil ich schwul bin, nicht in meinem Elternhaus, nicht in meiner Verwandtschaft, nicht in meinem Freundeskreis, nicht in der Schulstube. Probleme gab es erst, als ich mit dem Chemielehrer ein Verhältnis hatte, da sind wir beide aus der Schule geflogen. Auch in meinem Berufsumfeld habe ich nie negative Reaktionen erlebt. Ich hatte das Glück, in Basel lebten Vorgänger, die mir das Leben als Schwuler einfach gemacht haben.
Fritz, du bist noch deutlich älter, ist das nun eher ein Unterschied von Stadt-Land als der Epoche? Wie hast du das Coming-out erlebt?
Fritz: Im kleinen Landstädtchen meiner Jugend gab es einen dramatischen Verein, wo ich mitmachte. Und es gab einen hübschen Jungen, mit dem ich es nach den Proben hinter der Kirchenmauer wunderschön hatte. Meine Begeisterung für das Theater hat dort begonnen. Ich kann mich an keine Probleme erinnern. Meine Kindheit und Jugend war nicht schön: Ich bin ein Scheidungskind, meine Eltern stritten sich, zum Beispiel auch darüber, wer meine Ausbildung bezahlen muss. Das hat mir nicht gepasst und ich bin ausgerissen und nach Zürich abgehauen. Da schlug ich mich durch, Gelegenheitsarbeiten und so. Und ich fand schnell einen neuen Boden, das war erfreulich und gut. Ich hatte in keiner Weise belastende Probleme. Das Sexuelle hat sich so ergeben. Ich habe mir nie gross Gedanken gemacht über mein Coming-out. Ich war ja auch niemandem Rechenschaft schuldig, war weg von der Familie und auf mich selbst gestellt. Ich hatte später auch eine wunderschöne heterosexuelle Phase, das hat sich auch so ergeben. Für mich sind Treue und Freundschaft und Sexualität Dinge die nebeneinander existieren, die nicht zusammen sein müssen.
Cornel, du warst nach eigenen Worten ein Spätzünder, hast lange nicht schwul gelebt. Nicht weil du dich versteckt hättest, sondern dir keine Gedanken darüber gemacht hast. Wie muss man sich das vorstellen?
Cornel: In der katholischen Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, war die Frage ob man für andere sexuell interessant sein könnte, kein Thema. Ich spürte lange Zeit, dass da noch etwas «anderes» zu entdecken war, wusste aber nicht genau was und wie. Das Leben eines Menschen hat unwahrscheinlich viele Facetten, das Sexuelle ist ja nur eine der Ausdrucksformen des Daseins. Die Frage stellte sich erst in späteren Jahren zum Beispiel am Strand, wo ich mich fragte, finde ich nun die weibliche oder männliche «Anatomie» attraktiver?
Bernhard, das sind ganz unterschiedliche Coming-out-Geschichten. Welche ist typisch?
Bernhard: In den Studien die mir vorliegen, sind die Geschichten von Albert und Cornel eher das, was viele Schwule erleben. Das Coming-out ohne Probleme ist eher selten. Doch es gibt kein typisches Coming-out. Was man aber sagen kann, die Suizidrate unter homosexuellen Jugendlichen ist viel höher als bei heterosexuellen. Wir alle wachsen in einer heterosexuellen Welt auf. Der persönliche Weg der Emanzipation von den vorgegebenen Rollenbildern ist prägend und oft schwer.
Fritz: Es hängt doch davon ab, was für eine Persönlichkeit man ist, was für eine Charakterstruktur man hat. Ich glaube, das ist auch bei den heutigen Jugendlichen so. Es hängt eher an den einzelnen Personen als an der Epoche. Wir haben andere Lebensläufe, andere Freundschaften, andere Beziehungen im Leben, das ist doch prägend. Was wir mit unserem Schwanz machen ist eher nebensächlich.
Es gibt doch heute ganz viele schwule Vorbilder. Beispielsweise Kurt Aeschbacher vom Fernsehen, Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit, Pop-Stars wie Boy George oder der verstorbene Freddie Mercury. Das Coming-out kann doch nicht mehr so schwer sein?
Bernhard: Für einen Zwölfjährigen sind diese Leute unerreichbar. Wenn ich meine Patienten auf solche Vorbilder hinweise, können die auch nichts damit anfangen. Es besteht in unserer Gesellschaft eine Pseudo-Offenheit, mit der viele Schwule zu kämpfen haben.
Albert: Die schwulen Stars sind auch auf dem Land ein Thema. Aber da heisst es, unser Sohn soll keine solch schwule Sau werden. Solche Arschficker möchten wir nicht in unserem Dorf. Vorbilder können nur Schwule sein, die sich in ihrem dörflichen Umfeld Respekt und Akzeptanz verschaffen konnten.
Braucht es also einen Dorfschwulen?
Albert: Ja, ich habe ein Vorreiterrolle. Nach mir haben mein Cousin und andere auch ihr Schwulsein nach aussen getragen. Ich bin jetzt schuld, dass diese schwul sind!
Damian: Ich glaube man muss sich selbst annehmen und den Weg gehen, der einem gegeben ist. Auch wenn das schwer sein kann. Verlogenheit, das Kaschieren der eigenen Persönlichkeit ist auf lange Zeit viel mühsamer. Das konnte ich immer wieder sehen. Ich habe eine zeitlang in Adelboden gelebt. Da hat man mich gefragt, bist du nicht eine schwule Tante? Ja, ich bin ein schwule Tante, was soll die Frage, war meine Antwort. Damit hatte sich das Thema erledigt. Wenn man ein Geheimnis aus seinem Leben macht, ist das interessant für die Leute, sie beginnen hinter dem Rücken zu tratschen. Ich bin davon überzeugt, als Schwuler muss man sich outen, auch wenn man mit der Familie brechen muss, die Heimat verlassen muss. Meistens gibt sich das ja wieder. Ehrlichkeit ist der bessere Weg.
Mit zwölf fragte mich der Zeichnungslehrer, bist du eigentlich schwul? Da habe ich geantwortet, ja natürlich. Da ist mir das gleiche passiert wie Albert auf dem Dorf, nach einiger Zeit waren wir zu dritt in der Klasse, weil sich noch zwei geoutet hatten.
Fritz: Ja, auch ich habe diese Erfahrung gemacht, es ist immer besser zu sich zu stehen. Hingegen möchte ich auch warnen davor, dass ein Outing dann auch lebenslang verbindlich sein muss. Es kann ja sein, dass sich ein Mensch ändert, vom Homo zum Hetero oder zum Bisexuellen wird. Schlimm ist es, wenn sich jemand nach dem Outing nicht getraut, sich anders auszuleben. Outing ist keine Verpflichtung. Ich habe das selbst erlebt: Als ich schon ein etablierter Schwuler war, habe ich mich in eine Frau verliebt. Da wurde es meinen schwulen Freunden gegenüber schwierig. Und dann war die Hetiphase vorbei und es wurde nochmals schwierig, zum Beispiel dem Kreis meiner Freundin gegenüber. Es dauerte seine Zeit, bis ich wieder in der Gesellschaft glaubwürdig war. Und trotzdem bin ich froh und dankbar für das Leben, das ich erfahren durfte.
Nach dem Coming-out kommt ein anderer Lebensabschnitt. Man akzeptiert sich als schwul, geht in den schwulen Ausgang, in die schwule Sauna, reist an die schwule Feriendestination, an den schwulen Strand und in die schwulen Szenen der europäischen Grossstädte. Sex ist überall, zu jederzeit und mit fast jedem möglich.
Bernhard: Ich bin in einem katholischen Internat aufgewachsen. Das war sehr attraktiv. Später hatte ich einen festen Freund. Doch zur der schwulen Ausgangsszene haben wir kaum Kontakt gehabt.
Cornel: Ich bin ganz selten an diese schwulen Orte gegangen. Dieses Bedürfnis hat sich mir nie aufgedrängt. Ich fühlte mich in meiner Welt glücklich und zufrieden. Ich kann nicht viel anfangen mit rauschenden Parties.
Fritz: Ich hatte das grosse Glück als 22-Jähriger einen älteren Mann kennen zu lernen, mit dem ich über lange Jahre in tiefer Freundschaft verbunden war. Es war ein bekannter Schauspieler, ein weltgewandter, gescheiter, lebenserfahrener grossartiger Mensch. Er war mir der Lehrmeister des Lebens, er gab mir Halt und Richtung. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass ich ohne seine Bekanntschaft meinen Weg nicht gefunden hätte. Diese Freundschaft war sehr intensiv und geistig anregend, so sehr, dass wir es nicht wagten, Sex miteinander zu haben, aus Furcht wir könnten etwas zwischen uns zerstören. Sex hatte ich natürlich auch, sogar sehr intensiv und schön. Mit Jungen, auch mit Strichern. Aber meine Emotionalität war vollkommen auf meinen Freund ausgerichtet.
Darf man das so interpretieren, die Schwulen haben auch Sehnsucht nach Zweisamkeit?
Fritz: Ja, sicher. Nächtelang haben wir am Strand in Griechenland durchdiskutiert, die Welt neu erfunden. Wir waren stunden-, tage- und wochenlang zusammen, ein neues Universum tat sich mir auf, grossartig, unvergesslich! Ich hatte kein Interesse an einer anderen emotionalen Beziehung. Das hat dreissig Jahre lang angehalten bis an den letzten Tag seines Lebens.
Ich bin deswegen wahrscheinlich atypisch. Die Differenzierung zwischen Freundschaft und Liebe ist nicht einfach. War diese Freundschaft Liebe? Das Wort ist schwierig, man sagt «Liebe machen» und meint Sex damit. Meine grosse Liebe war dieser Mensch, auch ohne Sex.
Damian: Ich lebe seit dreissig Jahren mit demselben Partner, ich kann das sehr gut nachvollziehen. Das eine ist Sex, das andere ist Liebe. Sex ist etwas, das rauf und runter geht und mit der Zeit in einer Partnerschaft wegfällt. Den Platz nimmt die Liebe ein. Das ist viel stärker und intensiver. Ohne das möchte ich nicht leben. Ich brauche diese Beziehung, sie gibt mir Halt. Manchmal schauen wir uns an und sagen uns, «um Gottes Willen, wie sind wir zwei bünzlig». Freunde meinen, das ist ja furchtbar reaktionär, wie ihr beide lebt. Aber es geht einfach nicht anders. Wir beide haben das Bedürfnis Liebe zu geben und zu nehmen.
Albert, du als junger Schwuler, hast du Angst davor bünzlig zu werden?
Albert: Ich habe da keine Angst, das ist schon so! Ich lebe schon seit dreieinhalb Jahren in einer festen Beziehung! Wir werden darum beneidet, unsere schwulen Kollegen und Freunde beklagen sich, warum finden wir nicht jemanden für eine Freundschaft wie ihr sie habt.
Bernhard: Schwule haben interessantere Biografien als Heterosexuelle. Durch den Coming-out-Prozess, dem Erkennen des Anderssein, führen Schwule ein bewussteres Leben. Als Folge davon können sie in der Regel Sexualität und Beziehung besser trennen.
Fritz: Ich habe auch viele heterosexuelle Freunde. Aber die Schwulen haben ein viel interessanteres Leben, das ist eindeutig so.
Albert: Ich glaube in der jungen Generation wird das Spezielle eher abgelehnt. Man versucht sich mehr den anderen anzugleichen. Man möchte ein ganz normales Mitglied der Gesellschaft sein.
Schwule sollen drei Mal soviel Sex haben wie Heterosexuelle, von den Lesben gar nicht zu reden. Aber trotzdem sehnen sie sich an Zweisamkeit. Wie passt das zusammen?
Bernhard: Man kann beides haben, viel Sex schliesst Liebe und Freundschaft nicht aus. Die Schwulen machen meist eine klare Trennung zwischen dem Sexuellen und der Liebe, Freundschaft und Beziehung. Ganz anders als heterosexuelle Paare, das sehe ich in der Paartherapie. Eine Studie in der jüngeren Bevölkerung zeigte, schwule Beziehungen dauern etwa gleich lang, wie die von Mann und Frau. Klar wurde auch, die Schwulen leben viel häufiger ihre Sexualität auch neben der Paarbeziehung. Sie zeigte aber auch, die Zeit der sexuellen Erfüllung in einer Beziehung dauert bei Schwulen viel länger. Es gibt Theoretiker, die sagen, dies ist das Zukunftsmodell. Heterosexuelle Paare machen meist ein grosses Theater, wenn es Aussenbeziehungen gibt. Doch Monogamie ist eine Erfindung des bürgerlichen Zeitalters zur Aufrechterhaltung von gesellschaftlichen Strukturen. Biologisch macht das keinen Sinn.
Fritz: Es ist wunderbar, dass sich heute gleichgeschlechtliche Paare eintragen lassen können. Das ist gut wegen der Erbschaftssteuer und all den rechtlichen Sachen. Doch ich habe etwas Angst, damit entsteht auch unter Schwulen ein Spiessertum. Was mir am Leben als Schwuler gefällt - man steht etwas neben den Schuhen. Man muss sich mehr Mühe geben. Die Probleme die man in den Jugendjahren hat zahlen sich retour, weil man mehr weiss, weil man stärker ist.
Damian: Wir haben uns eintragen lassen, weil wir nicht bereit sind, wenn einer von uns stirbt, dem Staat 44 Prozent abzugeben. Das geht nicht! Wir waren auf dem Standesamt, das war eine Sache von einer Viertelstunde. Nach einer Stunde war mein Mann wieder bei der Arbeit, weil er mit Kunden einen Termin hatte und ich war beim Zahnarzt angemeldet. Da war überhaupt keine Romantik mit dabei.
Fritz: Es gibt nicht Schlimmeres als schwul zu sein und alleine. Ich habe systematisch Leute eingeladen, Freundschaften gepflegt, miteinander Reisen gemacht. Habe Leute einander vorgestellt, damit ich auch dabei sein darf, wenn diese miteinander etwas unternehmen. Das Alter ist schön, wenn man Freunde hat. Aber schwul, alt und alleine, das ist ein Horror.
Damian: Die Pflege von Freundschaften ist das Wichtigste. Schwule alleinstehende Männer haben aber das Glück immer eingeladen zu werden. Für Frauen die ihren Gatten überleben sind Schwule der ideale Ersatz.
Wie findet man den idealen Freund?
Albert: Das hat bei mir eindeutig mit dem Schwanz angefangen.
Damian: Meinen Freund habe ich auch so kennen gelernt, ich fand ihn zuerst interessant. Dann hat sich das entwickelt, aus der sexuellen Beziehung wurde Freundschaft und Liebe. Er hat unter dem Hag gefressen, ich habe unter dem Hag gefressen. Doch wir haben das so gemacht, dass wir uns dabei nicht verletzten.
Zürich, Februar 2008