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Schwulsein zwischen Privatem und Öffentlichem

Warum es den Christopher Street Day braucht

Allen Menschen ist das private Glück zu gönnen. Beson ders hier in der Schweiz, wo die persönlichen Freiheiten und der Respekt der Privatsphäre eine lange Tradition haben und in den letzten 200 Jahren durch keine staatlichen Krisen erschüttert wurden. Ich bin schwul, aber das geht nur mich etwas an. Es ist meine Privatsache, ich kenne meine Rechte – kann gut mit meinem Schwulsein leben. Meine Familie, meine Freunde akzeptieren mich so, wie ich bin. Am Arbeitsplatz weiss es mein Chef, was Mitarbeiter von mir denken ist mir egal, für etwas ist man ja Vorgesetzter.

Wunderbar, wer so denken kann – wunderbar wenn man so leben kann. Doch es ist ein Selbstbetrug. Akzeptanz im privaten Kreis schützt nicht vor Homophobie. Die Möglichkeit, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft registrieren zu können ist noch nicht die Selbstverständlichkeit des Schwulseins. Blinder Hass auf Homosexuelle gibt es nach wie vor, blindes Unverständnis von Behörden, Polizei, Ärzten ebenso. Nur ein stetiges aufmerksam machen auf die Probleme des Schwulseins kann bei den Verantwortlichen und in der ganzen Gesellschaft eine Veränderung des Bewusstseins bewirken.

Hier in der Schweiz leben wir nicht im Paradies, aber im internationalen Kontext in paradiesischen Zuständen. Es gibt auf allen staatlichen Ebenen Schwule und Lesben, die Kraft ihres Amtes, Kraft ihrer Persönlichkeit und ihrer Zivilcourage das Bewusstsein für die fundamentalen Rechte aller Bürger immer wieder in Erinnerung rufen. Diesen besonnenen Leuten verdanken wir in der Schweiz unendlich viel.

Nachdenklich und unsicher stimmt aber folgender Bericht im Zürcher Oberländer vom 15. Mai 2008:

 

Blinder Hass auf Homosexuelle

Ein Swisscoy-Angehöriger hat zusammen mit einem Freund zwei homosexuelle Passanten auf der Strasse angegriffen und massiv verprügelt. Der mutmassliche Haupttäter aus Wetzikon glänzte vor Gericht durch entschuldigte Abwesenheit. Der heute 25-jährige Swisscoy-Mann hält sich derzeit im Kosovo auf, wo er am Friedensprozess aktiv beteiligt ist.

Weit weniger friedlich verhielt er sich in der Nacht auf den 6. Mai 2007. Damals ging er mit einem alten Schulfreund nach Zürich in den Ausgang. Nach einem Fussballspiel begaben sich die beiden Männer auf das Kanzlei-areal, wo sie sich mit Bier, Rum und Wodka einen Vollrausch antranken. Um 4.45 Uhr begaben sich die beiden zur Langstrasse, wo sie zwei offensichtlich homosexuelle Passanten erblickten. Laut Staatsanwaltschaft brach bei den Angeschuldigten der «blinde Hass auf Homosexuelle» durch. Vor allem beim Swisscoy-Angehörigen, der laut Anklage seine Opfer auch noch ausnehmen wollte. Es war der Hauptbeschuldigte, der dem ersten Geschädigten unvermittelt die Faust ins Gesicht schlug. Der verletzte Mann begab sich darauf auf die Badenerstrasse um ein Auto anzuhalten. Doch dann zogen ihm beide Angreifer die Jacke über den Kopf und traktierten ihn gemeinsam mit Fäusten und Fusstritten gegen Kopf und Oberkörper.

Dann gingen die Täter auf das zweite Opfer los. Auch dieses wurde mit Schlägen und Fusstritten brutal verprügelt und erheblich verletzt. Glücklicherweise griff die Polizei ein und konnte beide Angreifer auf ihrem Fluchtversuch festnehmen. Der zweite Angeklagte zeigte sich vor Gericht teilgeständig, stellte sich aber bloss als Mitläufer hin. Der zuständige Staatsanwalt sprach von einem menschenverachtenden Vorgehen der beiden Angeklagten. Wegen versuchten Raubes, tätlichem Angriffs und weiterer Delikte forderte der Ankläger bedingte Freiheitsstrafen, 17 Monate für den 25-jährigen Angeklagten, 15 Monate für den Swisscoy-Angehörigen, dem bei seiner Truppe der Vertrag trotz der laufenden Strafuntersuchung verlängert worden ist.

Die beiden Verteidiger sahen es naturgemäss anders und setzten sich für Freisprüche vom Hauptvorwurf des Raubversuchs und milde, bedingte Geldstrafen bis zu 30 Tagessätzen zu 50 Franken ein.

Beide Anwälte machten geltend, die zwei Geschädigten hätten sich inzwischen mit den Angeklagten versöhnt, welche auch ihr Desinteresse am Strafverfahren erklärt hätten. Der Vertreter des Swisscoy Mannes verlangte deshalb im Hauptantrag sogar die Einstellung des Strafverfahrens. Die Verteidiger gingen von einer durch Alkohol bedingten einmaligen Rauschtat aus.

 

Wir leben in einem Rechtsstaat?

Zwei Besoffene verprügeln grundlos Schwule. Dummerweise machen sie das im Zürcher Langstrassenquartier, wo die Polizei ständig präsent ist und für Ruhe und Ordnung sorgen muss. Die kommt zufälligerweise vorbei und verhaftet die Täter. Der Staatsanwalt klagt an wegen einem besonders menschenverachtenden Vorgehen. Alles in Ordnung?

Der Swisscoy-Angehörige ist wieder auf Dienst im Kosovo. Braucht die Schweizer Armee dort unten Schwulenverdrescher? Oder finden die Vorgesetzten – Hauptmann, Major, Oberst, Armeeleitung – das sei normal, das gehöre zu einem richtigen Schweizer Soldaten? Was wäre passiert, wenn das Besäufnis in einem Wohnquartier stattgefunden hätte, wo die Polizei normalerweise in der Nacht keine Patroullien hinschickt? Die Schwulen wären total zusammengeschlagen worden, die Polizei hätte die Anzeige achselzuckend entgegengenommen und gesagt, sie sehe keine Chance die Täter zu fassen. Oder gar den beiden Opfern nahe gelegt, auf die Anklage zu verzichten, etwa mit der Begründung, wenn man händchenhaltend spät in der Nacht durch die Strassen spaziere, müsse man damit rechnen. Oder die Opfer verzichteten sogar selbst auf eine Anklage, weil sie sich damit outen und es ja eh keine Gerechtigkeit bringt. Das ist die schweizerische Lebenswirklichkeit in unserem Rechtsstaat im Jahre 2008!

 

Die Dinge ändern sich nur, wenn man sich dafür einsetzt

1969 wehrten sich erstmals Transen und Tunten gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Stonewall-Bar an der Christopher Street. Das war der Anfang der Schwulenemanzipation in der westlichen Welt. Seither hat sich vieles verändert, staatliche Willkür und Diskriminierung gibt es bei uns kaum noch. Aber immer noch viel Gleichgültigkeit, viele Vorurteile und ein Achselzucken bei homophoben Äusserungen und Tätlichkeiten. Wenn wir Schwulen nicht immer wieder darauf hinweisen, wird das Achselzucken selbstverständlicher, das Wegsehen bequemer, Schwulenhass alltäglicher.

Wir brauchen ein Verbot der öffentlichen Aufforderung zur Diskriminierung von Schwulen und Lesben – es darf kein Popstar zur Schwulenhatz aufrufen, nur weil es «in» ist! Keiner darf Schwule verbal «brennen» lassen, weil das zum «originalen» Reggae aus Jamaika gehören soll.

Wir brauchen eine positive Darstellung der lesbischen und schwulen Lebensform in Schulbüchern und Lehrmitteln, damit besoffene Fussballfans nicht mehr auf die Idee kommen, Schwule zu verdreschen. Und wir brauchen eine Diskussion über die allgegenwärtige Homophobie im Fussball.

Diese Ziele kann man nur erreichen, wenn wir immer wieder darauf hinweisen. Die heterosexuelle Mehrheit sieht diese Probleme gar nicht. Wir müssen das machen. Wir müssen sichtbar sein. Wir müssen hinausgehen, am CSD und an der Pride mitmarschieren, je mehr wir sind, umso mehr Gewicht haben unsere Argumente. Doch nur wenn wir out sind, wir unser Schwul-sein akzeptieren, wenn wir in der Öffentlichkeit selbstbewusst unsere Argumente vertreten, wirken wir glaubwürdig und können den Anstoss geben für Veränderungen.

«Der Reichtum des Lebens sind gelingende Beziehungen!» – das schreibt die «Familienlobby» Schweiz auf ihrer Homepage. Wunderbar? Doch diese Gruppe will eine Petition gegen die EuroPride lancieren, mit der Begründung, die Zürcher Bevölkerung sei nicht gefragt worden, ob ihre Stadt als Homo-Mekka in alle Welt ausstrahlen solle. Die Familienlobby akzeptiere diesen Sachverhalt nicht. Zürich soll keine Stadt sein, die wegen dem Geld schwuler Touristen und sogenannter Weltoffenheit die Massen ins Unglück lockt.

Diese «Familienlobby», die sich auf christliche Werte beruft, findet es offenbar normal, dass man Schwule verdrescht, man ist ja nicht pervers. Mit der gleichen Sichtweise schauen die wohl auch weg und sind stillschweigend einverstanden, dass man Neger verprügelt, man ist ja weiss – dass man Juden misshandelt, man ist ja Christ – dass man Ausländer schikaniert, man ist ja Schweizer. Dass mit dieser Haltung ihre Kinder in einem ungesunden, gewalttätigen Umfeld aufwachsen würden, wird ausgeblendet. Aus der Geschichte wissen wir, eine solch fatale Sichtweise steht am Anfang zum gesellschaftlichen Abgrund aller. «Der Reichtum des Lebens sind gelingende Beziehungen!» – aber keine schwulen, keine lesbischen, keine ... Was für eine verquerte Denkweise haben diese Leute!

 

Outing als befreiender Schritt

Rosa von Praunheim hat 1970 mit seinem Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt» den Anstoss gegeben zur Abschaffung des §175 in Deutschland. Er hat sich dabei selbst geoutet. 1997 hat er Alfred Biolek und Hape Kerkeling geoutet. Das war unanständig, hat aber viel an der Einstellung gegenüber Schwulen verändert. Die beiden sind immer noch Publikumslieblinge! Das Outing hat ihnen Freiheit gebracht!

Und ähnlich ist es allen anderen Prominenten ergangen, die sich geoutet haben, sie haben mehr Selbstbewusstsein, mehr Glaubwürdigkeit, mehr Freiheit gewonnen!

Ich weiss von vielen Krämpfen mit dem Outing, ich kenne aber keinen, der es bereut, diesen Schritt gemacht zu haben. Meist ahnen es die Kollegen am Arbeitsplatz, meist ahnen es die Verwandten, schweigen aber dazu. Die Karten offen auf den Tisch zu legen, fällt manchen einfacher, anderen schwieriger. Doch ganz schwierig ist das Versteckspiel, das Leben mit der ewigen Angst als Schwuler wahrgenommen zu werden. Dabei ist es genau diese Verklemmtheit, das Ausweichen bei Fragen zum persönlichen Umfeld, das die eigene Person diffus und schwammig macht und von vielen zum Anlass genommen wird, Schwule als unmännlich, unreif und nicht gesellschaftsfähig zu sehen.

Aus all diesen Gründen ziehen die selbstbewussten Schwulen und Lesben jedes Jahr wieder durch die Grossstädte der westlichen Welt am Christopher Street Day, auch Gay-Pride genannt. Darum versuchen die Aktivisten in den ehemaligen Ländern des Ostblocks, es den Westlern gleich zu tun. Darum zeigt sich die Szene in all ihrer Vielfalt, von mausgrau bis bunt. Darum stellen wir uns in die Öffentlichkeit und fordern Akzeptanz für uns. Darum sind die unscheinbaren, die leisen, die lustvollen, die schrillen, die sexbetonten Schwulen und Lesben in all ihrer Farbigkeit am CSD in Zürich und an der Pride in Biel.

Im diesem Sinne wünsche ich allen NETWORKern, die in der Öffentlichkeit stehen und sich für die Akzeptanz von Schwulen und Lesben einsetzen viel Selbstvertrauen. Und allen NETWORKern am CSD in Zürich und an der Pride in Biel viel Spass, viel Frohgemut und eine unbeschwerte Zeit.

Thomas Voelkin

 
CSD Zürich | Pride 08 | EuroPride 09 | Familienlobby Schweiz

 

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