Das sexuelle Verhalten des Menschen
Der Kinsey-Report sind die in Buchform zusammengefassten Studien über das sexuelle Verhalten des Mannes und der Frau
Der US-amerikanische Zoologe und Sexualforscher Professor Dr. Alfred Charles Kinsey führte in den USA der vierziger und fünfziger Jahre umfangreiche Befragungen über das menschliche Sexualverhalten durch. Rund 20 000 Erwachsene, Männer und Frauen, gaben ihm und seinem Team in Einzelinterviews Auskunft über ihre sexuellen Aktivitäten und Fantasien. Die Ergebnisse veröffentlichte er 1948 unter dem Titel «Sexual Behavior in the Human Male», deutsch 1955 «Das sexuelle Verhalten des Mannes». 1953 folgte «Sexual Behavior in the Human Female», deutsch 1954 «Das sexuelle Verhalten der Frau».
Kinseys Forschungsergebnisse sorgten für grosses Aufsehen in der Öffentlichkeit. Sie schlugen ein wie eine «Atombome», wie sich Journalisten in zeitgenössischen Medien ausdrückten. Zu seinen Schlussfolgerungen zählten unter anderem:
4% der Männer haben ausschliesslich Sex mit Männern
18% der Männer haben etwa gleich viele sexuelle Erlebnisse mit Männern wie mit Frauen
37% der Männer haben mindestens einmal im Leben einen Orgasmus mit einem Mann
90% bis 95% der Bevölkerung sind zu einem gewissen Grad bisexuell
Masturbation ist unter Männern extrem weit verbreitet
Sexuelle Aktivität reicht von einmal Sex in Jahren bis mehrmals pro Tag
Abweichende sexuelle Praktiken und Fantasien sind recht häufig (Fetischismus, Sadomasochismus)
Kritiker bemängelten die nicht-repräsentative Zusammenstellung der befragten Personen, von denen 25% (ehemalige) Gefangene, 5% männliche Prostituierte, und die Mehrheit Freiwillige waren. Als Reaktion auf diese Kritik verbrachte Paul Gebhard, Kinseys Nachfolger mehrere Jahre damit, Kinseys Daten von diesen ergebnisverfälschenden Faktoren zu säubern und veröffentlichte 1979 «The Kinsey Data: Marginal Tabulations of the 1938–1963 Interviews Conducted by the Institute for Sex Research», welches im wesentlichen Kinseys frühere Schlussfolgerungen bestätigte.
Es gibt bis heute keine Studie, welche die Schlussfolgerungen Kinseys widerlegen kann. Es kann davon ausgegangen werden, dass seine Erkenntnisse eine globale Gültigkeit haben. Die immer wieder behaupteten kulturellen Unterschiede genügen keinen wissenschaftlichen Schlussfolgerungen.
Es kann heute davon ausgegangen werden, 5–6% der Männer in westlichen Ländern führen ein schwules Leben. Dazu haben rund 10% der Männer über ihr gesamtes Leben immer wieder Männersex, obwohl sie sich nicht als schwul bezeichnen, und meist auch in einer Partnerschaft mit einer Frau leben.
Das Leben von Professor Kinsey
Alfred Charles Kinsey, ist 1894 in Hoboken, New Jersey geboren, promovierte 1920 als Biologe an der Harvard University und wurde im gleichen Jahr Assistenz-Professor in der Abteilung Zoologie der Indiana University in Bloomington. Er heiratete dort ein Jahr später. 1929 wurde er zum Professor ernannt.
Kinsey spezialisierte sich auf das Studium der Gallwespe, eines kleinen Insekts, von dem er auf ausgedehnten Reisen in den USA, Mexiko und Guatemala Hunderttausende von Exemplaren sammelte. In seinem Labor untersuchte er sie dann unter dem Mikroskop auf 28 verschiedene Merkmale, um ihre Entwicklungsgeschichte aufzuzeichnen. Diese jahrelange Arbeit machte ihn schliesslich zur ersten Autorität auf seinem engen Gebiet. Er war aber auch ein geschätzter Dozent und publizierte ein erfolgreiches allgemeines Lehrbuch der Biologie.
Im Jahre 1938 wurde er von der Universität gebeten, einen Kurs über «Ehe und Familie» zu übernehmen. Da er die einschlägige Literatur für unzureichend hielt – sie basierte seiner Ansicht nach auf viel zu kleinen und nicht-repräsentativen Stichproben –, versuchte er, mit Hilfe von Dutzenden, dann Hunderten und endlich Tausenden von persönlichen Interviews, so viele Tatsachen wie möglich über das menschliche Sexualverhalten herauszufinden.
Dieses Vorhaben wurde bald auch durch die Rockefeller-Stiftung finanziell gefördert. Kinsey konnte eine Forschungsgruppe um sich versammeln und sich völlig seiner neuen Aufgabe widmen, die er ebenso unermüdlich verfolgte wie vorher seine Gallwespenjagd. Das Resultat legten er und seine Mitarbeiter 10 und 15 Jahre später vor: die beiden «Kinsey Reports» über das männliche und weibliche Sexualverhalten. 1947 war es Kinsey ausserdem möglich, ein förmliches Institut für Sexualforschung an der Universität zu gründen, für das er eine erhebliche Sammlung von Büchern, Bildern, Manuskripten und Artefakten zusammenbrachte.
Die publizierten Forschungsergebnisse im Buch «Das sexuelle Verhalten des Mannes» hatten 1948 grosses Aufsehen erregt. Mit einer von der Presse gross geschürten Neugierde wartete man auf die Untersuchungen über das weibliche Sexualverhalten. Diese publizierte Kinsey 1953 im Buch «Das sexuelle Verhalten der Frau». Die Erkenntnisse, dass Frauen eine eigenständige Sexualität haben, war für die damalige Zeit revolutionär, für die gängige Moralvorstellung absolut inakzeptabel und es kam zu einem unglaublichen Sturm der Entrüstung. Auf Druck von Politikern und den Kirchen wurden Kinsey weitere Forschungsgelder vorenthalten.
Kinsey, dessen ehrgeizige Zukunftspläne auch eine besondere Studie zum homosexuellen Verhalten vorsahen, versuchte erfolglos, den Verlust durch verstärkte Anstrengungen auszugleichen. Völlig überarbeitet, erlag er am 25. August 1956 einem Herzversagen.
Kinseys trockene Statistiken hoben die Homosexualitätsdiskussion auf eine neue, völlig andere Ebene. Sie zerbrachen die herkömmlichen Denkmuster, Stereotypen und Schablonen.
Homophober Rundumschlag gegen die Studien von Kinsey >>
