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Der Nazi-Terror im «Neuen» Deutschland gegen die Schwulen

Als die Nazis die Kommunisten holten,

habe ich geschwiegen:

ich war ja kein Kommunist.

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,

habe ich geschwiegen:

ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie mich holten,

gab es keinen mehr,

der protestieren konnte.

Max N., homosexuell, von 1938 bis 1945 im KZ

 

Unter dem Nazi-Regime mit seinem «Führer» Adolf Hitler wurden unzählige homosexuelle Menschen, vorwiegend Männer, verfolgt, gefoltert und ermordet. Das Zeichen in den Konzentrationslagern war für Männer der «Rosa Winkel», für Frauen der «Gelbe Winkel». Insgesamt sind rund 15'000 wegen ihrer Homosexualität in den Konzentrationslagern umgekommen. Doch die Geschichte ist nicht einfach, aber sie zeigt exemplarisch, wie aus den Wechselwirkungen von ideologischen Versatzstücken mit sexuellen Verklemmtheiten eine hemmungslose Homophobie entsteht.

 

War Hitler schwul?

Es tauchen immer wieder Theorien auf, Hitler sei ein sexuell gestörter Mensch gewesen. Jedenfalls hatte er keine Frau und keine Kinder. Eva Braun wahr jahrelang seine «Geliebte». Erst zwei Tage vor dem gemeinsamen Selbstmord, kurz vor Kriegsende, hat er sie geheiratet.

Die in Hitlers Leben auftauchenden Frauen haben immer eine sehr merkwürdige Rolle gespielt. Eine Frau beschrieb Hitler als «das ist kein Mann, das ist ein Neutrum». Hermine Hoffman [1] ging als «Hitler-Mutti» in die Geschichte ein. Helene Bechstein [2] wollte ihn als Schwiegersohn. Elsa Bruckmann [3] dagegen sah ihre «Mission» darin, den ungeschliffenen Hitler salonfähig zu machen und wollte ihn adoptieren. Maria «Mizzi» Reiter war sechzehn Jahre alt, als sie den 37 jährigen Hitler kennenlernte. Hitler soll ihr, nach einer längeren freundschaftlichen Beziehung, einen Heiratsantrag gemacht haben. Seine Beziehung zu ihr ist mit Liebesbriefen von ihm belegt. Er wollte mit ihr eine Familie mit «blonden» Kindern gründen. Als er sie dann für Monate nicht mehr aufsuchte, wollte sie sich umbringen, was aber ihr Schwager noch rechtzeitig verhinderte. Geli Raubal, eine Nichte Hitlers, die mit 17 Jahren mit ihrer Mutter zum Führer zog, begleitete diesen an jede Opernaufführung, jede Festveranstaltung. Am 18. September 1931, wenige Stunden nach einem Streit mit Adolf Hitler, wurde sie erschossen aufgefunden, die Kugel kam aus Hitlers Pistole. Die offizielle Version war, sie habe Selbstmord begangen. Daraufhin galt Eva Braun als seine Geliebte, die sich allerdings ihren Tagebüchern darüber beklagte, wie sehr Hitler sie vernachlässigen würde.

Stellt man das unter das Licht einer möglichen Homosexualität Hitlers, dann könnte sein Verhalten Frauen gegenüber durchaus ins Bild passen. Aber ist es überhaupt von Bedeutung, ob Hitler schwul war? Dazu der Historiker und Hitlerbiograf Lothar Machtan [4]: «Vor 100 Jahren war Homosexualität nicht nur ein Strafdelikt, sondern hat vor allem auch gesellschaftliche Ächtung nach sich gezogen – und diese gesellschaftliche Ächtung hat im Grunde genommen jeden bürgerlichen Lebensentwurf gefährdet – und auch damit jede Karriere. Von daher war Homosexualität ein biografischer Faktor allerersten Ranges.»

Dazu kommt jegliches Fehlen von Kontakten Hitlers zu Frauen bis weit in die Zwanzigerjahre hinein, da war Hitler bereits über Dreissig; seine Bewunderung für grossgewachsene, blonde, junge Männer, die er gerne stundenlang mit blossen Oberkörper vor ihm exerzieren liess und der allgemein übersteigerte Körperkult der Nazis.

Von der Geschichtsschreibung werden die Jugendjahre Hitlers vor allem unter den Aspekten, wie seine späteren politischen Ansichten entstanden sein könnten, erforscht. Ausgeblendet wird, dass dieser auch ein sexuelles Leben hatte. Und da gibt es nichts, das auf eine «normale» Liebesbeziehung zu Frauen hinweist, auch keine Geschichten von Bordellbesuchen. Hitler hat in seinen späteren Jahren systematisch seine Biografie zurechtgebogen und alles aus seiner Vergangenheit, das nicht in sein Konzept passte, vernichten lassen. Doch er passt genau in das Schema Stricher, der in seinen frühen Jahren gegen Geld alles machte. Später gings dann nur noch um Macht … ohne Rücksicht auf Mitstreiter, Freunde oder Lebensgefährten.

 

Hitlers Jugendjahre und der Aufstieg zu Macht

Hitler hat die Schule als Sechzehnjähriger ohne Abschluss verlassen. Mehr als eine aus verschiedenen Quellen wahllos angelesene Halbbildung hat er in seinem Leben nie erworben. Von 1903 an bekam er eine Halbwaisen-Rente. Damit und mit der Unterstützung durch seine Mutter reiste er als 16-jähriger nach Wien, wo er eine ungebundene Bohème-Existenz führte, sein Traum war Maler zu werden. Nachdem er zwei Mal wegen mangelnder Begabung von der Wiener Kunstakademie abgelehnt worden war, machte er keine Anstalten mehr, einen Beruf oder auch nur eine Berufsausbildung in Angriff zu nehmen.

Hitler lebt im sexuell libertären Künstlermilieu Wiens. August Kubitscheck, ein Jugendfreund aus Linzer Tagen zieht zu ihm in die Grossstadt, dieser möchte Musiker werden. Kubitscheck in seinen Erinnerungen: «Mein Freund erwartete mich schon am Bahnsteig, begrüsste mich in freudiger Erregung mit einem Kuss und führte mich dann gleich in seine Behausung, wo selbst ich die erste Nacht zubringen sollte.» Die beiden leben ungefähr ein halbes Jahr zusammen.

Hitlers Waisenrente und der Zustupf der Mutter werden aufgebessert durch den Verkauf selbst gemalter Bilder und Postkarten und vermutlich auch von mann-männlichen Liebesdiensten. Sein Einkommen lag über dem Anfangsgehalt eines Lehrers. Als die Mutter stirbt, erhält er ein kleines Erbe. Als dieses aufgebraucht ist, zieht er in ein Männerheim. Dort soll es zugegangen sein, wie im YMCA New Yorks in den Siebziger Jahren.

Um sich der österreichischen Wehrpflicht zu entziehen reist er 1913 mit einem Freund nach München, das damals schon als schwules Eldorado galt. Auf Antrag Österreichs wurde er dort verhaftet, doch eine Untersuchung ergab, dass er nicht «diensttauglich» war und wurde nicht ausgeliefert. Bei Kriegsausbruch 1914 meldet er sich als Ausländer freiwillig zum deutschen (bayrischen) Militärdienst. Er ist als Meldeläufer hinter der Front eingeteilt. Ein Kriegskamerad, Hans Mend, gibt Jahre später zu Protokoll, was er selbst gesehen haben will: «Hitler lag mit Schmidl, seiner männlichen Hure, nachts zusammen.» Schmidl, also Ernst Schmidt, und Hitler sind fünf Jahre lang unzertrennlich. Waren sie ein schwules Paar? Dazu nur die Beurteilung durch seinen militärischen Vorgesetzten, der eine Beförderung untersagte mit den Worten: «Diesen Hysteriker mache ich niemals zum Unteroffizier!», was damals auch schwul im heutigen Sinne bedeuten konnte.

Nach Kriegsende blieb er weiterhin in der Kaserne als Gefreiter. Erst als er Hauptmann Ernst Röhm von der «schwarzen Reichswehr» kennenlernte, begann sein unaufhaltbarer Aufstieg. Röhm war ein allseits bekannter Schwuler, der eine Schlägerbande um sich scharte. Hitler wurde der Vordenker und begnadete Redner der Gruppierung. Die Dolchstosslegende und seine Judenfeindlichkeit fanden Anklang. Die Zuhörer jubelten ihm in ihrer Bierseeligkeit zu. Und so bekam Hitler Gefallen an der Macht …

Am Abend des 8. November 1923 stürmten Hitler und einige Bewaffnete den Münchner Bürgerbräukeller, in dem der regierende Generalstabskommissar Bayerns, Gustav Ritter von Kahr, eine Rede hielt. Unter vorgehaltener Waffe ging dieser zum Schein auf Hitlers Angebot ein. Am nächsten Morgen jagte die Polizei den Marsch Hitlers und seiner Anhänger aufs Regierungsgebäude auseinander. Hitler wurde verhaftet und verurteilt. Er sass zusammen mit Rudolf Hess in einer Zelle, wo sie den ersten Teil von «Mein Kampf» schrieben. Rudolf Hess war in den Parteikreisen um Röhm unter dem Tunten-Übernamen «Schwarze Emma» bekannt und avancierte später zum Sekretär Hitlers. Schon nach neun Monaten werden beide vorzeitig entlassen.

Gemeinsam mit Röhm führte Hitler seine Politik fort bis zur Machergreifung in Deutschland. Röhm blieb der Kommandant der Schlägertruppe, Hitler stellte sich mehr und mehr als ernst zunehmender Politiker dar. Der Geldadel bewunderte ihn, weil er der einzige ernst zunehmende Gegenpol zu den Kommunisten war. Röhm hatte unter anderen viele junge, arbeitslose, schwule Männer in seine «Abteilung» integriert, die sich später Sturm-Abteilung (SA) nannte. Mit brachialen Übergriffen in Banditenart wurde die Politik der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unterstützt. Die ganze Bande war homoerotisch aufgeladen, Hitler ein Teil dessen. [5]

Gegner der NSDAP sprachen darum hämisch von der «schwulen Bewegung» der Nazis. Peter Graninger, ein Vertrauter Röhms, sollte mit der Behauptung erpresst werden, dass er homosexuell sei; das wies die SA als Verleumdung ab.

Dass Hitler von Anfang an nebst Bolschewiken und Sozialisten in seinen Reden und Schriften auch Juden, Zigeunern, Freimaurer und Homosexuelle zu den auszumerzenden «Volksschädlingen» erklärte, wurde geflissentlich ausgeblendet. Vor allem in den Schwulenkreisen, weil man um die Homosexualität von Röhm wusste. Genau so wie die ganze krude hitlerische Weltsicht belächelt wurde, aber man froh war, dass er die «Roten» liquidierte.

Nach 1933 wurde die SA mit vier Millionen Mitgliedern eine Art Staat im Staat und ihre Führungsgruppe zur latenten Gefahr für Hitlers alleinigen Machtanspruch. Im Zuge der Konsolidierung seiner Diktatur war die überfallmässige Festnahme und Erschiessung der «Homosexuellenclique» um Röhm am 30. Juli 1934 ein logischer Schritt – auch der Einschüchterung in den eigenen Reihen. Es wurden 71 Parteimitglieder «liquidiert», die wohl auch zu viel über Hitlers Vorleben wussten. Dass Röhm einen «guten Freund» hatte, und «Jünglinge» zwischen 15 und 20 «zum Runterblasen» mochte, dass er den §175 streichen lassen wollte, wurde zur Stimmungsmache für die Liquidation herausposaunt, andererseits aber begrenzt, damit bloss nicht der Eindruck entstünde, die Partei insgesamt sei «schwul verseucht», wie es die politischen Gegner richtigerweise darstellten. Röhm und ein paar um ihn herum wurden als absolute Ausnahmen hingestellt. Sie waren es wohl kaum. Der Röhm-Putsch war das Fanal für die rücksichtslose Verfolgung der Homosexuellen im gesamten «Reich».

 

Klarer Blick in der Schweiz

Unter den Ersten in der Schweiz, die sich der seitens des von Hitler dominierten menschenverachtenden Fratze Nazideutschlands voll bewusst wurden, waren die Schwulen. Die engen Verbindungen von früher bestanden noch vielfach und so gelangten die Meldungen der Verfolgung zur Redaktion des Freundschafts-Banner, dem damaligen kleinen Sprachrohr der Homosexuellen in der Schweiz. Zudem beobachtete man aufmerksam und besorgt die Auswirkungen auf die Schweiz, wo es vor allem in Zürich eine wachsende Zahl von «zeitgemäss denkenden» Hitler-Sympathisanten gab und einige militante Nazi-Zirkel entstanden. Nachfolgend einige Zitate:

Bereits im Mai 1933 erschien ein Bericht «Zur Schliessung der Berliner Freundschaftslokale» und zur Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft – nur wenige Tage nach diesem barbarischen «Akt der Säuberung»:

«Aus der Büchersammlung wurden nicht nur die Hauswerke von Magnus Hirschfeld, sondern auch die Sonderdrucke kleinerer Schriften, Zeitschriften und Arbeiten anderer Autoren und das Bilderarchiv gesichtet, ausgeschieden und auf Kraftwagen verladen. Nach Beendigung der Aktion ist das Institut geschlossen worden. Gleichzeitig setzten sich fünf Stosstrupps in Bewegung, um sämtliche Volksleihbüchereien in Berlin einer Säuberung zu unterziehen. (...) Die beschlagnahmten Bücher etc., über 20'000 Werke, sind am Mittwoch, den 10. Mai auf dem Opernplatz in Berlin verbrannt worden. Ein schwerer Schlag für die Lebensarbeit unseres grossen Vorkämpfers Dr. Magnus Hirschfeld, der z.Z. sich in Ascona aufhält. Wir können nur mit grossem Bedauern von dieser Tatsache Kenntnis nehmen und Herrn Dr. Hirschfeld unserer Sympathie und herzlichen Anteilnahme versichern. Was er für uns und unsere Befreiung gearbeitet und erkämpft, das wird dieser ‹studentische Büchersturm› niemals vernichten können.»

«Ein aus fünf führenden Nationalsozialisten bestehendes Komitee (...) hat eine Liste von 20'000 Personen, darunter 5000 Parteimitgliedern aufgestellt, die alle bei der beabsichtigten Säuberungsaktion aus ihren öffentlichen Ämtern entfernt werden sollten. (...) Dass er (Hitler) kein Mittel scheut, diesen Kampf durchzuführen, bewies sein Vorgehen am 30. Juli 1934 und in den folgenden Tagen und Wochen. Das Resultat der Arbeit des von ihm bestellten Komitees scheint aber selbst den zu allem fähigen Reichskanzler stutzig gemacht zu haben. (...) Der Führer kann sich nicht entschliessen, so plötzlich auf die Mitarbeit dieser 20 000 Menschen zu verzichten, (...) weil es ‹zweifellos auch einflussreiche Persönlichkeiten der Wirtschaft treffen würde, was die wirtschaftliche Struktur des Reiches erschüttern könnte›.»

Zum Besuch Lord Rothermere's [6] und seines Sohnes bei Hitler: «Und da gab es noch ein Diner: Hitler gab zu unseren Ehren das erste Bankett, das er jemals gegeben hat. Zum ersten Mal nahmen Damen an einem Diner des Reichskanzlers teil. (...) Das wahrscheinlich wegen der Gerüchte und da die Homosexualität nun von der Gestapo als staatsfeindliche Betätigung verfolgt wird.» «Fallen jedoch diese Grossen bei Hitler in Ungnade, wie seinerzeit der SA-Chef Röhm, dann werden sie öffentlich beschuldigt» und liquidiert wegen «der Homosexualität, die Hitler doch längst bekannt und von ihm geduldet war. Welch empörende und verlogene Unmoral.»

Ein schwuler Emmigrant [7]: «Ich habe auch Leute aus der SA kennengelernt. Die gaben 1933 in Berlin noch rauschende Feste. Das waren die grossen Schwulen-Feste, die noch existierten. Auf einem bin ich wohl auch einmal gewesen. Irgend jemand, den ich kannte, hat mich dorthin mitgenommen. (...) Es war ein kleiner Kreis da, vielleicht dreissig Personen, überschaubar. Getanzt wurde nicht. Es war ganz sittsam, aber ausgesprochen schwul, nur Männer. (...) Naja, die SA war damals erzschwul. Einer der Gruppenführer, Karl Ernst, war ein berühmter Strichjunge im ‹Eldorado› gewesen. Den hatte ich dort vor 1933 gesehen, da war er vielleicht Mitte zwanzig. Dann wurde er Gruppenführer und nahm die Parade zu Pferde ab. (...) Er wurde von Röhm schnell befördert. Der Obergruppenführer von Schlesien war auch schwul. (...)»

Die Demonstration von Willkür und totaler Rechtlosigkeit im neuen Deutschland öffnete den bisher «blinden» Homosexuellen in unserem Lande die Augen für das tödliche Unheil, das jenseits der Grenze Alltag geworden war und das hier viele Bewunderer hatte, die sich immer offener bemerkbar machten. Für andere jedoch war es Bestätigung dessen, was sie schon länger wussten und befürchteten.

 

Die Verfolgung der Schwulen in Nazideuschland

Sofort nach der Machtergreifung Hitlers wurden die «Politischen» verhaftet. Aus Platzmangel in den Gefängnissen erstellte man die Konzentrationslager. Das erste in Dachau >> bei München. Nach dem Röhm-Putsch kamen die Schwulen dran. Sie waren ein Exempel, wie später gegen Andersdenkende, Freigeister, Juden, Zigeuner, Nichtariern und vielen mehr vorgegangen werden sollte. Erste schwule Opfer waren neben den politisch engagierten Köpfen die Unangepassten und die besonders auffälligen Tunten und Transvestiten. Diese wurden besonders schikaniert und misshandelt.

Mit der Ausschaltung des SA-Stabschefs Ernst Röhm übernahmen die Nazis die durchaus übliche Praxis bürgerlicher Politik, politische Gegner als Homosexuelle zu denunzieren. Besonders perfide war, dass auf diese Weise Leute aus den eigenen Reihen geopfert wurden, um die Macht zu festigen.

Die allgemeine Verfolgung der Homosexuellen wurde auf verschiedene Weise vorbereitet. Zuerst ergoss sich eine wahre Hetzkampagne gegen Homosexualität über das Land, um die Bevölkerung auf ihre Ausgrenzung vorzubereiten und um eine Solidarität mit den Verfolgten zu verhindern. Es folgte der Versuch einer systematischen Erfassung der Homosexuellen, die der Polizei bereits aufgefallen waren. Mit einem Telegramm der Gestapo Berlin vom 24. Oktober 1934 wurden alle Kriminalpolizeistellen im Land aufgefordert, entsprechende Listen anzulegen und nach Berlin zur zentralen Erfassung zu schicken. Besonderes Augenmerk sollte auf Personen in der NSDAP und in anderen NS-Organisationen gerichtet werden.

Ein grosser Teil der Bevölkerung stand hinter der Aktion gegen diese «Volksschädlinge». Dem «gesunden Volksempfinden» entsprach der Kampf gegen die Andersartigen. Hier hatten die bürgerliche Moral der Konservativen und die Ansichten der Kirchen gute Vorarbeit geleistet.

Denunzieren konnte man jeden Mann. Schon vor der Verschärfung des §175 im Sommer 1935 konnte mit Hilfe der Schutzhaft gegen unliebsame Personen vorgegangen werden, auch wenn die Gründe nicht zu einer Verurteilung ausgereicht hätten. Die Ersetzung des Begriffs «widernatürliche Unzucht» durch blosse «Unzucht» in der Neufassung des §175 bedeutete eine beträchtliche Ausweitung des Straftatbestandes. Wurde unter widernatürlicher Unzucht nur eine beischlafähnliche Handlung verstanden, so konnte jetzt bereits jeder Versuch einer homosexuellen Annäherung bestraft werden. Und das Strafmass wurde drastisch heraufgesetzt bis zu einer Höchststrafe von zehn Jahren Zuchthaus.

Zur Unterdrückung jeglichen schwulen Zusammenhalts und schwulen Lebens nahm die Gestapo Razzien in den nach der Wirtschaftskrise noch existierenden Lokalen, an Treffpunkten und in Privatkreisen vor. Ende 1934, Anfang 1935 kam es zu einer sprunghaft steigenden Zahl von Verhaftungen, so dass nach den Statistiken des Jahres 1935 die Homosexuellen fast ein Viertel der «Schutzhäftlinge» in Gefängnissen und Konzentrationslagern ausmachten.

In immer neuen Erlassen und Dienstanweisungen wandte sich die Gestapo gegen Homosexuelle, vorrangig unter den politischen Gegnern, aber auch in den eigenen Reihen, in der NSDAP, SA, SS und besonders in der Hitler-Jugend. Der Mythos vom homosexuellen Jugendverführer, der die deutsche Jugend unterwandere und verseuche, lebte neu auf, die Wachsamkeit der Eltern, Jugendlichen und Nachbarn war gefordert und führte zu erschreckend häufigen Denunziationen. So konnten auch die Reste freien bündischen Lebens unter Kontrolle gebracht werden. Besonders inszeniert wurde 1936 der Prozess gegen den «Nerother Wandervogel», in dem es auch um die Homosexualität des Gründers Robert Oelbermann ging.

In unterschiedlicher Intensität und zu unterschiedlichen Zeitpunkten gab es in den einzelnen deutschen Städten Verhaftungswellen. Zumeist gingen diese im Schneeballsystem vor sich, Adressbücher, Fotoalben und in der Haft erpresste Namen führten die Gestapo oder Kriminalpolizei zu immer weiteren Personen. Die Verfolgungsintensität nahm bis Kriegsbeginn kontinuierlich zu.

Das Mittel der sexuellen Denunziation liess sich 1938 genauso gegen den unbequemen General Werner von Fritsch benutzen wie gegen die noch nicht angepasste katholische Kirche. Im letzteren Fall konnte man mit der urchristlichen Verdammung homosexueller Gelüste nun auch gegen die Institution vorgehen, die sie eigentlich erfunden hatte. Mit dieser Strategie hoffte man das Vertrauen des Kirchenvolkes in die Geistlichen erschüttern zu können.

Stets wurde die Verfolgung propagandistisch durch entsprechende Hetzartikel vorbereitet und nachträglich ausgeschlachtet. Entsprechend der nazistischen erbbiologischen Doktrin und anknüpfend an eugenische Theorien ihrer Vorgänger, suchte die Gestapo auch verstärkt Kastrationen im Kampf gegen die Homosexualität durchzuführen. Zunehmend wurde Druck auf verurteilte Homosexuelle ausgeübt, sich freiwillig entmannen zu lassen. Dabei wurde eine Entlassung aus der Straf- oder Schutzhaft in Aussicht gestellt, aber nicht immer eingehalten.

Die Willkür der Gestapo bei der Verfolgung zeigen die verschiedenen Verfahren, die in Würzburg von 1934 bis 1936 gegen Homosexuelle aus dem Umkreis um den verhafteten jüdischen Rechtsanwalt Dr. Leopold Obermayer erfolgten, besonders deutlich. Das Verfahren gegen Obermayer wurde genutzt, um die landesweite Kampagne gegen Juden und Homosexuelle zu schüren. Obermayer hatte den besonderen Hass des Würzburger Gestapo-Chefs herausgefordert, da er sich noch in der allerschlimmsten Lage im KZ Dachau und in der brutalen Untersuchungshaft mit schriftlichen Eingaben und Beschwerden selbstbewusst an die Vorgesetzten wandte und sich nicht in sein Schicksal fügte. Im Oktober 1936 schrieb er an den Oberstaatsanwalt:

«In der Wahrung meiner Rechte und in der Ablehnung jeder Diffamierung als Jude bin ich unnachgiebig, auch auf die Gefahr hin, mir dadurch in der Jetztzeit zu schaden. In puncto Recht und Gleichheit vor dem Gesetz lehne ich jetzt und künftig jeden Kompromiss ab. Ich weise auch die Unterstellung, dass ich irgendwie ein Rechtsgut verletzt hätte, zurück. Ich hoffe, dass auch für Ihr Deutschland der Tag kommen wird, wo man die Bestrafung der Homosexualität auf die gleiche Stufe wie die letzte Hexenverbrennung in Oberzell stellen wird. Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass bis ca. 1862 in Bayern jede homosexuelle Betätigung straffrei war.»

In das Verfahren gegen Obermayer wurden unzählige Schwule hineingezogen. Die Akten geben Aufschluss über das unsystematische Vorgehen der Gestapo, aber auch über die Verteidigungsstrategien der Betroffenen und die unterschiedlichen Konsequenzen. Für einen Teil der Mitangeklagten wurde Schutzhaft im KZ Dachau beantragt, aber nur in denjenigen Fällen angeordnet, in denen eine gerichtliche Bestrafung unwahrscheinlich war. So kam Hans Schmitt im März 1935 für fast ein Jahr nach Dachau. Da ihm keine strafbare Handlung nachgewiesen werden konnte, wurde er ein Jahr später freigesprochen. Wie unterschiedlich die Gestapo mit den Beteiligten selbst nach einer Strafverbüssung verfuhr, zeigt sich im Vorgehen gegen zwei weitere Mitangeklagte: Max Bienen und Albrecht Becker. Beide wurden zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Blieb Albrecht Becker nach der Haft unbehelligt, so veranlasste die Gestapo bei Max Bienen, dass dieser vom Gefängnis zur weiteren Schutzhaft ins KZ Dachau überstellt wurde, wo er bis zum Januar 1945 bleiben musste, um dann noch in den letzten Kriegstagen einer der «Bewährungseinheiten» zugeteilt zu werden

Arisch, gesund und zahlreich sollte das neue «Herrenmenschentum» sein, das die Nazis wollten. Schwule aber galten als krank und ihre Krankheit als ansteckend. Die Befreiung des Volkskörpers von der «rassevernichtenden Entartungserscheinung» Homosexualität war das erklärte Ziel einer auf «Ausmerze» und «Züchtung» angelegten Politik.

Sprunghaft stiegen nach der Machtergreifung Hitlers die Verurteiltenzahlen nach dem §175. 1933 waren se noch 957 Fälle, 1936 schon 5801 und 1938 mehr als 9536. [8] Insgesamt dürfte es offiziell etwa 50'000 Verurteilungen gegeben haben. Um die 15’000 Schwule kamen ins KZ, wo die meisten grausam umkamen. Als homo-verdächtig speicherte die Geheimzentrale allein im Jahre 1937 mehr als 32’000 neue Namen, Hunderttausende insgesamt. Mit dem Kriegsausbruch 1939 waren die Schwulen kein Thema mehr für die Propaganda. Die Verfolgung nahm ab. Doch noch 1941 ordnete Himmler an, dass jeder Schwule, «der mehr als einen Partner verführt hat», ins KZ kommen sollte. Zugleich forschte man emsig in der Art von Dr. Mengele nach den Ursachen der Homosexualität.

Der Polizeiterror jedoch hatte seine Grenzen. Nicht nur, dass Schwule lernten, sich immer besser zu tarnen und zu verstecken – den Nazis dämmerte auch, dass eine «Endlösung» auf diese Weise nicht zu erreichen war. Selbst wenn es theoretisch hätte gelingen können, alle lebenden Schwulen zu ergreifen und umzubringen, so wären sie mit der nächsten Coming-out-Generation bereits wieder nachgewachsen. Also musste danach geforscht werden, woher Homosexualität kommt und ein «Gegenmittel» gefunden werden. Genau das taten die Nazis. Zum Beispiel im KZ Buchenwald >> bei Weimar. Da verabreichten die Nazi-Ärzte den Opfern Hormone, um sie zu Heterosexuellen zu machen. Von Erfolgen ist nichts bekannt.

Einige der schwulen Nazi-Oberen blieben während der ganzen Zeit unbeheligt, es gab sogar in Berlin und Köln eine kleine, exklusive schwule Szene von Nazi-Künstlern und Nazi-Tätern. Sie waren zu wichtig für den «Führer» und standen unter seiner Protektion. Es wurde von ihnen nur erwartet, verheiratet zu sein und ein unauffälliges Doppelleben zu führen.

 

Die Nachkriegsjahre: Das Nazi-Unrecht gilt weiter

Wer nun allerdings glaubte, dass die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Dritten Reichs sich vom Terror der Nazis distanzierte, sah sich bitter enttäuscht. Die Nazi-Fassung des §175 galt weiter. Höchste bundesdeutsche Gerichte wiesen alle Rechtsklagen von Schwulen zurück und gaben der Nazi-Verschärfung sogar noch rechtsstaatliche Weihen: Sie sei 1935 ordnungsgemäss zustande gekommen und enthalte nicht in dem Masse NS-Unrecht, das ihr in einem Rechtsstaat die Anerkennung verweigert werden müsse. Das entschied das Bundesverfassungsgericht 1957 – «Homosexualität», so die Bundesrichter damals, «verstosse eindeutig gegen das Sittengesetz»! Dieses «Sittengesetz» aber stand in keinem staatlichen Gesetzbuch, und so wollten Schwule denn auch wissen, wer es bestimme. Die Antwort des Gerichts: «Es sind die grossen öffentlichen Religionsgemeinschaften, die das Sittengesetz festlegen!» Damit trat das «christliche Sittengesetz» die Rechtsnachfolge des «gesunden Volksempfindens» an.

Auch vom Bundesentschädigungsrecht wurden Schwule ausgeschlossen. Wiedergutmachung für KZ-Haft, so hiess es später, könne es nur nach dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz geben. Doch ausgerechnet in den beiden Jahren, in denen man einen Antrag hätte stellen können, erreichte die bundesrepublikanische Verfolgung der Schwulen ihren Höhepunkt. In einem derartig anti-schwul aufgeheizten Klima durch einen Antrag auf sich aufmerksam zu machen, wagten kaum zwei Dutzend.

Erst am 27. Mai 2008 weihte der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit das gesamtdeutsche Denkmal für die homosexuellen Opfer der Nazizeit ein. >>

 

Schlussfolgerungen

Alle Organisationen mit einer Ideologie der schwarz-weissen, der gut-bösen, einem Feind-Freund Denkmuster, sind hierarchisch aufgebaut und verlangen Disziplin, Gehorsam, Unterordnung. Meist gehören dazu äussere Zeichen wie Uniformen oder Ordenskleidungen. Ein Mensch, der sich selbst als homosexuell veranlagt wahr nimmt, aber dies als negierbare Tendenz in die hinterste Ecke seines Bewusstseins verbannt und dort möglichst ungestört schlummern lässt, ein solcher Mensch muss offen lebende Homosexuelle als Bedrohung empfinden. Er wird darum Schutz suchen unter seinesgleichen in solchen Organisationen. Deren überreiche Assoziationen mit Homoerotik sind bekannt. Männerbünde waren immer attraktiv für Schwule. NS-Bildbände über die Waffen-SS, mit Nackt- oder Halbnackt-Fotos beim Duschen oder in Tracht bezeugen dies.

Dort kann der sich selbst nicht akzeptierende Homosexuelle je nach Umständen und Persönlichkeitsstruktur sogar aufsteigen und zum bewunderten Supertäter werden, wie der schwule Breslauer Polizeipräsident Edmund Heines, der sich für sadistische Zwecke privat Gefangene hielt. Oder er wird irgendwann abstürzen und als schwerst Fehlbarer abgeurteilt enden. Sich als extrem homophobe, politische oder religiöse Saubermacher exponierende Agigatoren und Täter tragen allermeist eine tief verdrängte Homosexualität in sich.

Die Hatz gegen Schwule ist immer ein Zeichen für eine zutiefst menschenverachtende Weltsicht. Durch die Politik Hitlers kamen allein in Europa 39 Millionen Menschen ums Leben, darunter sechs Millionen Juden. Deutschland und Europa wurden in weiten Teilen zerstört und für die Dauer des Kalten Krieges geteilt.

 

Quellen und Anmerkungen >>

 

 

 

Schwul ?

Wie sagt man dem, was ist das >>

Ich bin schwul – und das ist auch gut so! >>

Der Kinsey-Report >>

Schwulsein ist vorbestimmt, die aktuelle Debatte >>

Das Darwinsche Paradox der Homosexualität >>

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Genau hingeschaut: Homo- sexualität im Tierreich >>


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