Zur Homepage von network.ch.
  Letzte Aktualisierung: 18.05.13
Navigations-Pfad: Homepage / Schwules Leben    
  


NETWORK Login

Email:

Password:



EGMA - European Gay Manager Association

NETWORK Sekretariat
Postfach
CH-8027 Zürich
Tel. 044 918 30 31
Home
Mitglied werden?
Kontakt
Suche
Sitemap
Gay Business
Links
Druckversion

Von der Antike ins Mittelalter

2560 v.Chr.: Grabrelief in Ägypten – 1482 n.Chr.: Verbrennung von Schwulen in Zürich

 

Unterschiedliche Weltbilder, gegensätzlicher Umgang mit der Homosexualität

Die Menschen mit ihrem Bewusst-Sein suchen nach einer Erklärung für die Phänomene der Natur. Sie versuchen die Welt zu ordnen, das Leben in einen transzendenten Zusammenhang zu stellen. Rund um den Globus sind so unterschiedliche Religionen entstanden und unterschiedliche Weltbilder. Das in der Antike war ganz anders als jenes des Mittelalters oder der heutigen wissenschaftlich geordneten Welt. Diese Weltbilder regeln auch den (für viele Menschen schwierigen) Umgang mit der Sexualität entsprechend unterschiedlich.

 

Die Ägypter Nianchnum und Chnumhoteb

Sie sind wohl das älteste namentlich bekannte Männerpaar der Geschichte. Die beiden Männer aus der Oberschicht lebten zur Zeit der dritten Dynastie, als im Alten Reich Ägyptens die ersten Pyramiden erbaut wurden, also in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. [1]

Die Bilder in ihrer Grabanlage zeigen die beiden Männer so, wie traditionellerweise Ehepaare dargestellt wurden, mit einander zugewandten Gesichtern sich gegenseitig am Arm und über der Schulter haltend.

Offenbar standen sie in hoher Position der damaligen Gesellschaft und waren voll akzeptiert, denn ihre Grabanlage befindet sich bei Sakkhara auf dem Hochplateau westlich der damaligen Hauptstadt Memphis. Dort konnten nur Angesehene und dem Pharao Nahestehende Gräber errichten.

Aus den Grabtexten geht hervor, dass der eine Zahnarzt war, während der andere sich als Friseur und Nagelpfleger betätigte und das Amt eines Aufsehers der Nagelpfleger des Pharao bekleidete. Weiter berichten die Texte, dass beide zwar Söhne und Töchter hatten, aber keine eigentliche Ehefrau oder Hauptgemahlin. An deren Stelle ist gemäss traditioneller Regeln der Darstellungsweise der männliche Partner in Männertracht eingemeisselt worden.

 

Die griechische Kultur

Seit 2000 v. Ch. wanderten die Vorfahren der Griechen, nomadische und kriegerische Hirtenvölker aus den kaukasischen Bergen und Steppen in den östlichen Mittelmeerraum und Südbalkan ein. Diese arischen, meist raubenden Horden kamen zum grossen Teil ohne Frauen, trafen auf eine hochstehende Ackerbaukultur mit matriarchalen Strukturen und ohne kriegerische Erfahrung. Die ansässige männliche Bevölkerung wurde hingemordet, die Frauen vergewaltigt und versklavt. In Kreta wurde die erste Hochkultur Europas, jene der Minoer, unterworfen. Nach kurzer Zeit, in der die neuen Herren die ökonomischen Grundlagen plünderten, wurde die ganze Region praktisch in die Steinzeit zurückgeworfen.

Ab 800 vor Christus erholte sich die Region, die Stämme der Hirten und Krieger verschmolzen mit der ackerbauenden Bevölkerung. Matriarchale und patriarchale Gottheiten existierten nebeneinander, viele Götter wurden zu transsexuellen Wesen. Der Göttervater Zeus, der über die alten Gottheiten siegte, richtete bekannterweise seine Lüsternheit auf Mädchen und Knaben. Viele der unzähligen Feste zugunsten der Götter waren verbunden mit Fruchtbarkeitsriten. Gleichgeschlechtliche Handlungen, aber auch die Kastration von Knaben mit deren anschliessender rituellen Tötung gehörten dazu. [2] Im Weltbild der Griechen waren die Menschen zweigeschlechtlich. [3] In der klassischen, hochentwickelten und heute noch bewunderten Periode [4] gehörte Knabenliebe und Männersex zur Vollendung der Erziehung und geistigen Entwicklung. Für die griechischen Helden des trojanischen Krieges [5] sah man den homosexuellen Verkehr eher als die Regel als eine Ausnahme. Eubulos lästerte [6]: «Aber keiner von ihnen hatte eine Hure zur Verfügung, sondern sie liebten sich gegenseitig zehn Jahre lang. Es war für sie ein bitterer Feldzug: Eine Stadt nur eroberten sie, und als sie abzogen, klafften ihre Hintern weit mehr auseinander als die Tore der eroberten Stadt.»

Bezeichnungen für Knaben und Jünglinge bei den alten Griechen >>

 

Die römische Kultur

Um den Aufstieg und Fall des römischen Reiches ranken sich viele Mythen und Theorien. Rom war einer von unzähligen Stadtstaaten im Mittelmeerraum. Um 400 vor Christus begann der Aufstieg zur Weltmacht. Zuerst wurde das etruskische Mittelitalien unterworfen, dann das griechische Süditalien. Darauf folgte Sardinien, Korsika, Sizilien und Teile Spaniens [7]. Als Folge der Kriege gegen Makedonien wurden die griechischen Stadtstaaten zu Vasallen Roms, inklusive der Agäis und der gesamten griechischen Welt in Kleinasien [8]. Darauf folgte die Zerstörung von Karthago [9], die Eroberung von Ägypten, der Gallienfeldzug und die teilweise Unterwerfung Syriens und Palästinas.

Die Römer haben stets die Kultur der unterworfenen Völker aufgenommen. Die römischen Götter erhielten griechische Identitäten. Im östlichen Mittelmeerraum war die Kultur zur Römerzeit griechisch [10] und das Weltbild von griechischen Vorstellungen geprägt. Aber auch in Italien galten die griechischen Vorbilder als Vollendung der Kultur und Bildung. Kaiser Hadrian [11], der «Philosoph auf dem Kaiserthron» war griechisch gebildet, und der Überzeugung, dass das, was gesagt werden kann, am besten auf griechisch gesagt wird. Die Vasallenstaaten Thrakia [12], Germania [13] und Britannia [14] wurden unter seiner Herrschaft dem Reich einverleibt. Das römische Reich erlebte seine grösste Blüte. Es war die Zeit von orbis Romanus, civis Romanus, pax Romana. Die Stadt Rom wurde total umgebaut. Den Juden zunächst wohlwollend gegenüberstehend, versprach Hadrian ihnen den Wiederaufbau des seit dem Feldzug des Titus in Trümmern liegenden Jerusalem. Die Juden fühlten sich jedoch hintergangen, als sie erkannten, dass er es als eine römische Metropole wiederaufbauen wollte und den neu errichteten Tempel auf den Ruinen des zweiten salomonischen Tempels dem Jupiter weihte. Als er die von ihm als Verstümmelung betrachtete rituelle Beschneidung der Knaben verbot, begann der Aufstand von Bar Kochba (132–135). Mit dessen brutaler Niederschlagung wurden die Juden und mit ihnen die frühchristlichen Sekten in die ganze römisch-griechische Welt vertrieben.

Hadrians grosse Liebe war Antinoos, ein junger Bithynier, [15] den er wohl 123 oder 124 in Kleinasien kennen lernte. Antinoos gehörte einige Zeit zum Hofstaat des Kaisers und begleitete ihn auf dessen Reisen. Hadrian adoptierte ihn und er sollte sein Nachfolger werden. Im Jahre 130 ist er jedoch im Nil ertrunken. Hadrian gründete an dieser Stelle die Stadt Antinoopolis und liess seinen Geliebten und Adoptivsohn zur Gottheit erklären. Er liess einen ihm geweihten Tempel errichten und im ganzen Reich mussten Statuen von Antinoos aufgestellt werden. Kurz vor seinem Tod adoptierte Hadrian seinen 51-jährigen Gefährten Antoninus Pius [16] mit der Auflage, dass er den 17-jährigen Marcus Annius Verus, seinen geliebten Jüngling, den späteren Kaiser Mark Aurel [17], adoptiere und bestimmte weiter, dass dieser den kleinen Commodus [18] adoptiere. Das Mausoleum Hadrians ist die heutige Engelsburg, Zufluchtsort der Päpste und die Hadriansbrücke ist die heutige, von Bernini geschmückte Engelsbrücke.

Dieser hochgebildeten und feinsinnigen Kultur müssen allerdings die Schattenseiten des römischen Reiches entgegengestellt werden. Eine kleine Oberschicht lebte in unvorstellbarem Reichtum, der auf der ökonomischen Grundlage der Sklaverei basierte. Ganze Landstriche mussten Tribute an Rom zahlen, das sich an «Brot und Spielen» ergötzte. Die römisch-griechische Kultur bedeutete für die meisten Menschen Knechtschaft und Unterdrückung, auch wenn der freie Handel und die ausgebaute Infrastruktur einen wirtschaftlichen Aufstieg sondergleichen im gesamten römischen Reich ermöglichte. Nach Commodus begann der Niedergang Roms und seiner Götter [19]. Die Menschen wendeten sich dem vor allem den Armen und Unterdrückten Heil versprechenden Christentum zu.

 

1350 Jahre später: Verbrennung eines Männerpaares 1482 in Zürich

Unter anderem auch aus politischen Gründen wurde zur Zeit des Bürgermeisters Rudolf Waldmann und der Burgunderkriege der «ketzerritter» Richard Puller von Hohenberg zusammen mit seinem jungen Knecht und Geliebten Anton Mätzler am 24. September 1482 in Zürich bei lebendigem Leib verbrannt.

Aus dem Verhörprotokoll [20] geht hervor, dass es sich nach aussen um ein Dienstverhältnis handelte, welches aber in der Hauptsache eine auf Dauer angelegte sexuelle Liebesbeziehung war. «so hab er Anthonyn Mätzler, der sin knecht gewesen verheisen und zugesagt, das er im gnüg geben und in nit verlasen und halten welle, als ob er sin kind were, das er in ghyen läse [21] (...) und das er in ghyt hab in des Mosers badstuben, als vil und dick [22] er das an denselben Anthony begert habe (...) und das der Anthony den Richard trefflich lieb» gehabt habe. [23]

 

Was ist geschehen zwischen dem alten Ägypten, Griechenland, Rom und 1482?

Die Menschen übernahmen mit dem Christentum ein anderes Gottesbild. Dieses basierte auf einer anders fixierten Ordnung der sichtbaren und unsichtbaren Welt, auf einer sakrosankten «gottgewollten Schöpfungsordnung». Alle Erscheinungen, die nicht in diese Ordnung passten, wurden negativ beurteilt, ausgeschlossen und nach Möglichkeit ausgemerzt. Dazu kam eine vehemente Ablehnung der römisch-griechischen Götterwelt und deren Riten. Dies obwohl oder gerade weil die christliche Zentralaussage, die Auferstehung, ein von den antiken Kulturen übernommener Mythos ist. [24]

Die Geschichte der Homosexualität ist eines der traurigsten Beispiele für ein «ethisch korrektes» Ausgestossenwerden. Es wurde über Jahrhunderte an einer kleinen Minderheit schonungslos praktiziert, eine Minderheit, die sich zudem weder wehren konnte noch wehren durfte.

Die «Sodomie» der kanonischen [25] Lehre bezog sich auf die geächtete und daher verbotene Handlung. Die Täter wurden als «Sünder» und Ketzer gebrandmarkt und als solche bestraft. Die Strafe war als Läuterung, «Sühne» gedacht und der Scheiterhaufen daher als «gnadenvollen» Akt im Sinne eines teilweise vorbezogenen «Fegfeuers». [26]

Die Vorstellung eines «Homosexuellen», eines derartig existierenden Menschen oder eines auf diese Weise Kranken oder gar Veranlagten, die gab es nicht. Sie war undenkbar. Der «Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies», so die Umschreibung von Michel Foucault [27] in «Sexualität und Wahrheit». [28]

 


Anmerkungen

 

1

Die grosse Pyramide von Gizeh wurde unter Cheops erbaut, er regierte etwa 2551 bis 2528 v. Chr. und war bereits der 2. Pharao der 4. Dynastie.

2

In der archaischen Zeit, ca. 1400–500 v. Chr.

3

Heute würde man sagen bisexuell. Hermaphroditen, diese seltenen, armen Kreaturen mit missgebildeten Hoden, ohne Testosteronproduktion aber mit viel Östrogen, sodass sie Brüste entwickeln, wurden als Halbgötter verehrt.

4

Von den Perserkriegen bis zum Tode Alexanders dem Grossen, 480–323 v. Chr.

5

Die Schlacht um Troja, wahrscheinliche historische Gegebenheit um 1200 v. Chr. Homer fasste die Überlieferungen um 800 v. Chr. zusammen und begründete damit die griechische Literatur.

6

Aus einer Parodie von Eubulos auf das homerische Ilias-Epos, Fragment 120, 4. Jh. v. Chr.

7

1. und 2. Punischer Krieg, Abtretungen von Karthago.

8

Etwa die heutige Westtürkei und die ganze türkische Südküste.

9

3. Punischer Krieg, das nahe vom heutigen Tunis gelegene Karthago wurde dem Erdboden gleichgemacht.

10

Die Historiker sprechen von der hellenistischen Zeit.

11

76–138, Kaiser ab 117.

12

Etwa das heutige Bulgarien und Rumänien.

13

Süddeutschland bis zum Limes-Wall.

14

Entspricht dem heutigen England, das mit einem Wall gegen die schottischen Stämme befestigt wurde.

15

Bithynien, die asiatische Halbinsel östlich von Istanbul, welche das Marmarameer vom Schwarzen Meer trennt.

16

87–161, Kaiser ab 138.

17

121–180, Kaiser ab 161.

18

161–193, bereits als 19-jähriger Kaiser, Thronbesteigung 180, ausschweifender Lebenswandel. Er wurde von Hofstaat ermordet. Sein Leben gilt als Inbegriff für die römische Dekadenz. Er war der Sohn oder Neffe eines weiteren von Hadrian bestimmten Thronfolgers, der aber vor demselben verstorben ist. Wieso Hadrian den neugeborenen Knaben Commodus in die Adoptionslinie der Kaiser einreihte, gehört zu den vielen Ungereimtheiten in seinem Leben.

19

Man könnte es auch anders sagen: Das römische Reich stand in seiner höchsten Blüte unter den schwulen Kaisern Hadrian, Antonius Pius und Mark Aurel. Der Abstieg begann, als ein verzogener, genealogisch halblegitimer Lümmel die Macht übernahm.

20

Einer der frühesten Berichte über eine Hinrichtung. Papier wurde erst seit 1432 in der Schweiz hergestellt. Das bis dahin gebräuchliche Pergament war teuer und wurde nur für Bibeln und Messbücher von Klöstern und Kirchen sowie für obrigkeitliche Erlasse, Urkunden und dergleichen verwendet.

21

Gemeint ist: sexuell mit ihm verkehre.

22

Gemeint ist oft.

23

Zitate aus Helmut Puff und Wolfram Schneider-Lastin «Lust, Angst und Provokation, Homosexualität in der Gesellschaft», Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, Zürich, 1993.

24

Die ägyptische Osiris, der griechische Adonis, der persiche Presephones u.a.m.

25

Den kirchlichen Rechtsbestimmungen gemäss.

26

Gleichzusetzen mit Purgatorium.

27

Französischer Philosoph, 1926–1984, war Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte des Denksystems am Collège de France.

28

Zitat aus dem ersten Band «Der Wille zum Wissen», Seite 58.

 

 

Schwul ?

Wie sagt man dem, was ist das >>

Ich bin schwul – und das ist auch gut so! >>

Der Kinsey-Report >>

Schwulsein ist vorbestimmt, die aktuelle Debatte >>

Das Darwinsche Paradox der Homosexualität >>

Die List der schwulen Gene >>

Genau hingeschaut: Homo- sexualität im Tierreich >>


Die schwule Emanzipation in der westlichen Welt >>

Schwules Selbstverständnis heute >>

Zwischen Öffentlichkeit und Privatem >>

Geschichte der Schwulen in der Schweiz >>

Das liberale Schweizer Strafrecht >>

Das Partnerschaftsgesetz in der Schweiz >>


Wider die Natur? >>

Homophobie >>

Das mittelalterliche Konstrukt des Sodomiten >>

Vom Mittelalter in die moderne Steinzeit >>

Die Verbrechen der Nazis >>

Im Visier der Fröntler >>

Schwule in der Bibel >>

Die Knabenliebe in der
Antike >>

Kein schwules Paradies in Sicht  >>


Die Aids Krise und deren Folgen >>