Immigrantenkultur versus Menschenrechte?
Kulturkampf und Schwulenrecht – Erfahrungsbericht aus den Niederlanden
Workshop mit David J. Bos.
Gemäss einer internationalen vergleichenden Studie sind die Niederlande eines der Länder, in der Homosexualität in breitesten Bevölkerungskreisen akzeptiert wird. Seit den 70er Jahren ist die Regierung bemüht, gleiche Rechte für Homosexuelle zu gewähren. Viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens leben offen schwul oder lesbisch und in vielen TV-Programmen, inklusive der Werbung, werden Schwule und Lesben dargestellt. Die Akzeptanz von Homosexualität ist die Norm, werden diese verspottet, gibt es normalerweise empörte Reaktionen.
Vor einigen Jahren, zur Zeit der Amsterdamer Gay Games und der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe glaubte man die Emanzipation der Homosexuellen ist abgeschlossen und die schwullesbischen Verbände hätten ihre Berechtigung verloren. Doch in letzter Zeit ist das Thema Homosexualität wieder in die politische Agenda zurückgekehrt. Dies als ein Resultat von verbalen und physischen Angriffen auf Schwule und Lesben in Schulen, Nachbarschaften und im Nachtleben.
In öffentlichen Debatten wird oft vermutet, diese Anfeindungen kämen von jungen Männern mit türkischem oder marokkanischem Migrationshintergrund. Deren antischwules Benehmen wird normalerweise mit ihrer muslimischer Identität erklärt. Meinungsumfragen bestätigen dies, Marokko- und Türken-Holländer akzeptieren
Homosexualität weniger als «einheimische» Holländer und andere ethnische Minoritäten wie Surinamesen und Menschen von den Antillen. Bei denjenigen die angaben, Religion sei sehr wichtig in ihrem Leben, ist die Akzeptanz besonders gering.
Wie auch immer, weder die Umfragen noch die Kriminalstatistik über physische Aggression gegen Schwule kann erklären, warum in der öffentlichen Debatte Homosexualität einen so hohen Stellenwert bekommen hat. Dies hat eher zu tun mit dem Symbolcharakter. Die öffentliche Debatte über den Islam wird dominiert von Fragen über Geschlechterrolle und Sexualität: Tragen oder Nichtragen eines Schleiers, Händeschütteln oder nicht mit Angehörigen des anderen Geschlechts, sowie Homosexualität. Die Diskussion widerspiegelt zum einen die fixe Idee von konservativen Muslimen, welche Ehrfurcht mit patriarchalem Gehorsam gleichsetzen, ist andererseits auch ein Resultat der Tendenz, Geschlechter-rolle und gelebte Sexualität als Erkennungszeichen eines modernen und aufgeklärten Verhaltens des säkularen, westlichen Individualismus zu sehen.
Über Jahrhunderte haben die Europäer Homosexualität als Schwäche gesehen, vor allem bei anderen Nationen: «The French vice» (die französische Schande), «le vice allemand» (die deutsche Schande), «buggery» (auf bulgarisch), illustrieren dies. Heute wird die Akzeptanz der Homosexualität in Holland als typisches Merkmal der «originalen» holländischen Kultur dargestellt und ist ein Teil des nationalen Stolzes und wird vor allem vom rechten Parteienspektrum in der Migrationsdebatte instrumentalisiert.
Es scheint, dies öffnet Schwulen und Lesben exzellente Möglichkeiten – doch tanzen die nicht auf jemands anderer Hochzeit? Die schwullesbischen Organisationen sollten ihr Augenmerk besser auf die Probleme im Zusammenleben mit schwulen und lesbischen Muslimen legen und akzeptieren, diese haben andere Strategien für ihre Emanzipation, das heisst diese können weniger out sein. Seit den 70er Jahren wurde von den Gay-Aktivisten immer wieder betont, wie wichtig die Sichtbarkeit sei. Doch ohne die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit aufzugeben, ist es Zeit, hörbar zu werden. Schwule und Lesben von ethnischen Minoritäten haben oft Angst, ihr Gesicht zu zeigen, doch viele von ihnen haben Geschichten und Erfahrungen gemacht, die es wert sind, gehört zu werden.
Zürich, 8. September 2007