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Immigrantenkultur versus Menschenrechte

Erziehung zum Schwulenhass auf dem Schulhof – prägen homophobe Secondos die nächste Generation?

Workshop mit Christian Aeberli und Saïda Keller-Messahli

 

Der Moderator formuliert einleitend die zu diskutierenden Aspekte. Er stellt u.a. fest, dass sich für schweizerische Verhältnisse einerseits das Verbot in der Bundesverfassung von Diskriminierung wegen Herkunft, Rasse, Geschlecht, Alter, Sprache, sozialer Stellung, Lebensform, religiöser, weltanschaulicher oder politischer Überzeugung und der kürzlich erfolgten Annahme des Partnerschaftsgesetzes eine gesellschaftliche Akzeptanz gibt, dem andererseits als Folge der Migrationsbewegung vor allem aus islamisch geprägten Kulturen gewisse homophobe Tendenzen gegenüber stehen.

Er ergänzt den Hinweis mit einem kurzen und eindrücklichen Referat: Eine repräsentative mündliche Befragung eines Marktforschungsinstituts von 12- bis 17-jährigen deutschen Jugendlichen im Jahr 2002 ergab: 61% haben gegenüber «Schwulen» und «Lesben» eine negative Einstellung, finden sie «nicht» oder «überhaupt nicht gut». Dabei wurden die Jugendlichen mittels einer fünfstufigen Skala befragt, «wie gut» sie verschiedene Szenen und gesellschaftliche Gruppierungen finden. Die Befragung zeigte auch: Mädchen sind toleranter als Jungen. Während 71% der Jungen offen ihre negative Einstellung zu Schwulen bekannten, äusserten lediglich 51% der Mädchen Vorbehalte gegen Homosexuelle. Laut der Studie nahm unter Jugendlichen die Ablehnung von Homosexuellen in den letzten Jahren zu.

In seinem Kommentar macht der Moderator deutlich, dass sich offenbar 12- bis 17-jährige Jugendliche bezüglich der vorgegeben Fragestellung als eher fragil erweisen. Da analoge Untersuchungen in der Schweiz nicht vorliegen, geht die Frage an Christian Aeberli, inwiefern er Kenntnis hat von entsprechenden Anzeichen und Tendenzen homophober Verhaltensweisen durch Secondos und entsprechenden Problemen auf dem Pausenplatz bzw. im aargauischen Schulalltag?

 

Kein virulentes Thema

Christian Aeberli: «Erziehung zum Schwulenhass auf dem Schulhof» ist kein virulentes Thema. Interne Recherchen lassen darauf schliessen, dass es heute keine Problemlage gibt. Und dennoch nehmen wir das Thema ernst. Haben wir in unserer Gesellschaft Kinder und Jugendliche, die Gruppen angehören, deren moralischer Rigorismus schwulenfeindliche Aspekte beinhaltet. Dazu gehören gewisse fundamental christliche Gemeinschaften und auch rechtsextreme Gruppierungen. Entsprechende Tendenzen dürften aber auch unter den ansässigen Moslems vorkommen.

Zu den grundlegenden Anforderungen einer pluralistischen Gesellschaft gehört die Fähigkeit ihrer Mitglieder, Unterschiedlichkeit auszuhalten und konstruktiv mit Konflikten umzugehen. Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung eines Menschen ist genau so wenig tolerierbar, wie Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Religion oder der Rasse.

Mitglieder unserer Gesellschaft haben sich daran zu halten; ansonsten leben sie am falschen Ort. Nicht am falschen Ort befinden sich die Leute des Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI). Das FFI vertritt die Haltung, dass die Homosexualität aus Menschenrechtsgründen auch von MuslimInnen anzuerkennen und vor Diskriminierung zu schützen ist. Jeder hat das Recht auf eigene Wahl des partnerschaftlichen Zusammenlebens. Das FFI stützt sich hierbei auf den UN-Pakt über bürgerliche und politische Rechte sowie die Schweizerische Bundesverfassung.

Allerdings gilt es hier selbstkritisch anzumerken, dass weder die Bundesverfassung noch die Formulierung im Lehrplan «automatisch» zum gewünschten Lehrziel führen. Aus- und Weiterbildung, Lehrmittel sowie auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen sind weitere wichtige Gelingensbedingungen auf dem Weg zur gerechten Förderung aller Kinder und Jugendlichen. Daneben gilt es aber auch, die Eltern im Blickwinkel zu halten. Denn die Schule erfüllt ihre Erziehungsarbeit nicht allein, sondern kann diese nur zusammen mit den Eltern erfolgreich zu Ende führen.

Die Zusammenarbeit mit den Eltern kann aber auch zur Gratwanderung werden, wenn sich der Auftrag der Schule nicht mit den Werten und Haltungen der Eltern vereinbaren lässt. Denn die Werte, welche die Schule vertritt, entsprechen eben nicht immer denjenigen der Eltern; dies führt zu Reibungsflächen und Spannungen. Zum Beispiel wenn in der Schule Geburtstage gefeiert werden und die Kinder der Zeugen Jehovas nicht teilnehmen dürfen. Dies gilt auch bei Weihnachtsfeiern. Hingegen wissen wir bis heute kaum von Fällen, an denen muslimische Kinder und Jugendliche nicht an solchen Feiern teilnehmen durften.

Wenn grundlegende Rechte von einzelnen oder von Minderheiten verletzt werden, dürfen Lehrpersonen in der Schule, auf dem Pausenplatz und auch im Schulzimmer nicht wegschauen, sondern sie müssen handeln. Dies gilt auch für die Verantwortlichen in den Bildungsdepartementen. Zurzeit sind uns aber bezüglich Homophobie keine «Fälle» bekannt. Es kommt aber schon mal vor, dass auf dem Pausenplatz das Wort «Du schwule Sau» fällt; dies gleich häufig von Schweizern wie von Immigranten.

 

Die Homosexualität als absolutes Tabu

Saïda Keller-Messahli hält in ihrem einleitenden Votum fest, es sei ein grosses Privileg, hier und jetzt offen über das gegebene Thema zu diskutieren. Sie begründet die Feststellung u.a. mit dem Hinweis auf die hinter uns liegende geschichtliche Entwicklung seit dem moralisierenden Klima des viktorianischen Zeitalters und dem Kampf der Frauen um Gleichberechtigung. Diese Freiheit sei vielen Betroffenen insbesondere in einer islamisch geprägten Gesellschaft und Kultur versagt.

Die Homosexualität ist in islamischen Ländern ein absolutes Tabu. Sie ist dennoch ein weitverbreitetes reales Phänomen und die Homosexuellen sind die wohl am stärksten diskriminierte soziale Gruppe. Man weiss zwar, dass es diese Gruppe gibt, tut aber so, als dürfte es sie nicht geben. Homosexuelle Beziehungen werden praktisch nur als voreheliches Ventil oder vorehelicher Ersatz wahrgenommen. Insofern stellt ein homosexuell veranlagter Mann, der verheiratet ist und Kinder zeugt, nur seine besondere sexuelle Potenz unter Beweis und wird deshalb in der Regel nicht belangt.

Mit der Wahrnehmung der Realität hat die islamisch-arabische Welt ohnehin ihre Probleme, nach dem Motto, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wir erinnern uns alle sicher noch an den irakischen Verteidigungsminister, wie er bei Ausbruch des Irakkriegs – während die Amerikaner das Land bereits bombardierten – vor laufender Kamera der Welt erklärte, Irak werde diesen Krieg mit Sicherheit gewinnen. Dieses Beispiel zeigte uns auf eindrückliche Weise, wie auf höchster politischer Ebene die Realität systematisch verleugnet wird.

Die Verleugnung der Realität, sei diese wirtschaftlich, kulturell, sozial oder psychologisch, bestimmt das soziale Verhalten der Menschen in islamischen Ländern bis ins kleinste Gewebe. Vielleicht ist gerade diese Veranlagung ein willkommenes Terrain für die Machthaber, die ohne demokratische Legitimation oder sonstige Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Bevölkerung selbstverliebt herrschen, Menschenrechte missachten und allein wegen ihrer egoistischen Interessen Macht ausüben.

In repressiv geführten Ländern – und das sind die meisten islamischen Länder – haben Menschenrechte allgemein einen sehr schwierigen Stand, geschweige denn das Menschenrecht auf sexuelle Freiheit. Hinzu kommt, dass Sexualität allgemein tabuisiert ist. Sie findet zweifellos statt, über sie zu sprechen gilt aber als «unsittlich».

Dass die Sexualität ein integraler Bestandteil der Persönlichkeit jedes Menschen ist und wesentlich das individuelle und soziale Wohlergehen des Menschen mitbestimmt, wird im islamischen Kontext schlicht verleugnet. So darf Sexualität laut offizieller Moral nur innerhalb einer Ehe stattfinden, jedenfalls was die Frauen betrifft. Den Männern gegenüber ist selbst der Koran in dieser Frage grosszügiger. Doch nur dem Mann dieses Recht zu lassen, macht ja auch nicht viel Sinn.

Was die Schweiz mit der Abstimmung zugunsten der Homosexuellen geschafft hat, bleibt einsame Spitze und zeigt, dass es möglich ist, Menschen, die anders funktionieren als dies in heiligen Texten und patriarchalischen Gesellschaften definiert wird, zum Thema zu machen und deren Bedürfnisse zu schützen. Eine demokratische Gesellschaft misst sich bekanntlich an ihrem Umgang mit ihren Minderheiten.

 

Zürich, 8. September 2007

 

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