Was heterosexuelle Paare von Homosexuellen lernen können
Lesben und Schwule streiten in ihren Partnerschaften fairer. Und sie leben gleichberechtigter als Heterosexuelle.
Rund 1000 Paare hat die Universität von Vermont über mehrere Jahre begleitet, nachdem der Bundesstaat im Jahr 2000 gleichgeschlechtliche Partnerscharten legalisierte. Der Fokus lag auf der Frage, wie sich hetero und homosexuelle Paare im Alltag verhalten und wie sie mit Konflikten umgehen.
Die wichtigste Erkenntnis ist wohl, dass es überraschend wenig Unterschiede gibt. Allerdings verhielten sich gleichgeschlechtliche Paare deutlich ebenbürtiger, egal ob männlich oder weiblich. Heterosexuelle Paare scheinen demgegenüber stärker in den alten Rollenbildern verhaftet. Die Hausarbeit haben vor allem die Frauen erledigt, während die Männer eher für das Geld besorgt waren. Ausserdem waren es vorwiegend die Männer, die sexuelle Aktivitäten initiierten, während es vor allem Frauen waren, die das abblockten. Gespräche über Beziehungsprobleme wurden mehrheitlich von den Frauen begonnen. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren verteilten sich all diese Dinge gleichmässiger auf beide Partner.
Homosexuelle waren zufriedener
Die Studie kam zwar zum Schluss, dass es keine messbaren Unterschiede gibt bei der Zahl von Konflikten. Dennoch war die Zufriedenheit in der Beziehung bei den homosexuellen Paaren höher. «Heterosexuelle verheiratete Frauen leben mit einer Menge Wut darüber, dass sie nicht nur im Haushalt, sondern auch in der Beziehung die meiste Arbeit leisten müssen», sagt Esther Rothblum, Professorin für Frauenstudien an der San Diego State University.
Andere Studien zeigen, dass es auch Unterschiede gibt, wie Homosexuelle und Heteros sich streiten. Gleichgeschlechtliche Paare verhielten sich fairer, machten weniger verbale Attacken und bemühten sich eher die Situation wieder zu entschärfen. Die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen und dessen Standpunkt zu sehen, scheint bei gleichgeschlechtlichen Paaren stärker ausgeprägt zu sein, was möglicherweise mit dem ebenbürtigeren Lebensstil zu tun hat. «Schwule und lesbische Paare sind eher in der Lage, einen Schritt zurück zu machen und über das Problem zu reden, statt einfach nur zu explodieren», fasst Robert Levenson, Professor für Psychologie an der University of California in Berkeley seine Erkenntnisse zusammen.
Bemerkenswert ist, dass ein typisches Verhalten von Hetero-Paaren auch bei Lesben und Schwulen zu beobachten ist. Wenn Frauen unzufrieden mit der Beziehung sind, thematisieren sie das Problem und verlangen Veränderung – Männer reagieren darauf häufig mit Verweigerung und Rückzug vom Konflikt. Neuste Studien lassen nun vermuten, dass dieses Verhalten – anders als bisher gedacht – nicht geschlechtertypisch ist, da es bei Frauen und Männerpaaren genauso vorkommt. «Das sind erfreuliche Nachrichten», sagt der Psychologe Levenson. «Das heisst nämlich auch, dass man daran arbeiten kann.»
Tages Anzeiger, Zürich, 17. Juni 2008, von Ralf Kaminski, New York