
«Unser abgeschiedener Freund war eine von den seltsamsten Individualitäten, die ich gekannt habe. Er ist eine Natur, dergleichen auch nicht wieder zum Vorschein kommen wird.»
Johann Wolfgang von Goethe
Der aus Schaffhausen stammende Johannes Müller, geboren 1852 und Pfarrerssohn, war der ältere Bruder des Schaffhauser Staatsmanns Johann Georg Müller. Er studierte in Göttingen Theologie, war Professor der griechischen Sprache, Mitglied der Helvetischen Gesellschaft und eine anerkannte Geistesgrösse im deutschsprachigen Europa. Müller stand in regem Briefwechsel mit führenden europäischen Aufklärern und Staatsmännern, wie Voltaire, Johann Wolfgang von Goethe, Gottlieb Emanuel von Haller, Alexander von Humboldt, Johann Gottfried von Herder. Müller ist der Vater der Schweizergeschichte. 1780 erschien sein erster Band von «Die Geschichten der Schweizer», die er aus umfangreichen Quellenbeständen exzerpierte. Friedrich Schiller hat von diesem Buch hergeleitet den «Willhelm Tell» geschrieben.
1791 wurde er von Leopold II. von Österreich in den Adelsstand erhoben. Dessen Sohn Franz II. berief ihn 1792 nach Wien, wo er u. a. als Diplomat an der Geheimen Hof- und Staatskanzlei und ab 1800 als Kustos an der Hofbibliothek wirkte. 1804 wurde er von Friedrich Wilhelm III. als Geheimer Kriegsrat, ständiger Sekretär der Akademie und Hofhistoriograph nach Berlin berufen, wo er, als grösster deutscher Geschichtsschreiber seiner Zeit gefeiert, zwei der glücklichsten Jahre seines Lebens zubrachte. 1807 erhielt er die Stelle des Minister-Staatssekretärs im von Napoleon geschaffenen Königreich Westfalen. Gestorben ist er 1809 in Kassel.
Der Schaffhauser Friedrich von Hartenberg (1780–1822) wurde als Halbwaise der Obhut Müllers übergeben, der ihn ausbildete. Später war er Begleiter und Diener. 1802 begann dieser mit Müller einen Briefwechsel unter dem fingierten Namen Louis Battyani Szent Ivany, ungarischer Graf, der ihn als kultivierten Menschen bewundere und suggerierte den Wunsch nach einer dauerhaften Lebensgemeinschaft. Müller fing Feuer, in neun Monaten schrieb er über 150 seitenlange Briefe, welcher Friedrich dann dem Grafen «übergab». Doch «leider» waren die Umstände so, dass sie sich nie treffen konnten. Der Graf war deswegen auch in «Geldnöten», Müller liess sich verleiten, grosse Summen an Friedrich zu übergeben, die dieser «weiterleitete». Auch «Verwandte» des Grafen korrespondierten mit ihm und bedankten sich für die Grosszügigkeit. Für ein Treffen mit dem Grafen reiste Müller mit Friedrich von Wien nach Prag, doch leider verhinderten widrige Umstände das Eintreffen des Angehimmelten, dem er sein ganzes Vermögen und weitere ihm anvertraute Gelder zukommen liess. Als der Betrug entdeckt wurde, verklagte Müller Hartenberg, wobei sich letzterer verteidigte, er sei jahrelang von Müller sexuell missbraucht worden. Während Hartenberg zu elf Monaten Haft verurteilt wurde, gab sich das Gericht bei Müller mit der Ehrenerklärung zufrieden, dass er nie homosexuelle Handlungen begangen habe.
Friedrich hat dann mit anderen Herren ähnliche Spiele getrieben, wurde vom französischen Staat zum Galeerendienst verurteilt und ist mit 42 Jahren im Armenhaus Schaffhausen gestorben.
Die Briefe Hartenbergs an Müller sind nicht erhalten. Hingegen die Briefe Müllers an den «Grafen» wurden als Beweismaterial für den Betrug beschlagnahmt. Später wurden sie dem Bruder Müllers übergeben, welcher den Nachlass verwaltete und dem Staatsarchiv Schaffhausen vermachte. Sie sind ein ausserordentliches Zeugnis von homoerotischen Wunschvorstellungen und Idealen seiner Zeit.
Geplant ist, sämtliche Briefe zu transkribieren, wissenschaftlich aufzuarbeiten und später eventuell als Buch herauszugeben. Geldgeber sind gesucht.
Beim Apéro nach der Vorstellung der Briefe fand man diese Geschichte ganz speziell, sah ihn ihr eine ausserordentliche Quelle für einen Film über schwule Identitäten. Wer weiss, vielleicht nimmt sich jemand nach der Transkription diesem Stoff an und macht daraus ein schwules Psychodrama.
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