Homosexuelles Leben im Spiegel der Presse
Papier ist geduldig, sagt man. Damit ist gemeint, auf Papier kann alles stehen, Gescheites und Dummes, Freches und Zaghaftes, Wahres und Lügen, Wichtiges und Banales, Wohlwollendes und Bösartiges, klare und wirre Gedanken. Was der Leser über das Gedruckte oder Geschriebene denkt, ist dem Papier egal.
Nicht egal kann es den Person oder Gruppen sein, über welche berichtet wird. Im Zusammenhang mit der EuroPride wurde viel über die Gay-Community geschrieben, meistens wohlwollend – eine bösartige Ausnahme war die Weltwoche, siehe unten. Überschau der Presseartikel über die EuroPride.
Homosexualität als Religion: Warum der Kult um die Schwulen nervt
Zum Artikel in der Weltwoche vom 1.7.2009, Ausgabe 27/09
Comedy Highlight Brüno?
Zum Film von Sacha Baron Cohen um einen schwulen Modereporter, der berühmt werden will, und über dessen Kritik in der «Weltwoche». Ein Kommentar.
Vorab: Der Film, welcher in grossen Kinos läuft und als das neuestes Comedy-Highlight mit Sacha Baron Cohen («Borat») angekündigt wird, ist weder lustig noch humorvoll oder komisch, sondern vielmehr peinlich und überdreht, ja sogar anstössig und schockierend – unterhaltend ist er mitnichten! Das (hetero) Publikum lacht ab und zu, doch wohl meist nur, weil es die krassen Szenen nicht versteht. Den Film anzuschauen (81 Minuten) ist eine unnötige Verschwendung von Zeit und Geld!
Bösartiger Artikel über Schwule in der Weltwoche
Doch die Filmfigur Brüno – ein überdrehter Clichée-Schwuler, der um jeden Preis berühmt werden will und stattdessen mit biederem Lebenspartner und schwarzem Baby das häusliche Glück findet – provoziert und führt Rezensenten aufs Glatteis. So Philippe Gut, Daniela Niederberger und Peter Keller von der «Weltwoche», welche den Film zum Anlass nahmen für einen 5-seitigen Artikel über die Schweizer Gay-Community, dessen homophobe Bösartigkeit den Hetzkampagnen des nazibraunen Guggu und Scheinwerfer in den 30er Jahren in nichts nachsteht. Angekündigt wurde der Artikel auf der Titelseite mit «Homosexualität als Religion – Warum der Kult um die Schwulen nervt». Die Autoren argumentieren auf der sattsam bekannten Linie: Man hat nichts gegen die armen, bemitleidenswerten Schwulen, aber gegen deren Propagandatätigkeit und die Frechheit, gleiche Rechte und Akzeptanz zu fordern!
Besonders aufgeregt zeigen sich die Autoren über die EuroPride. Da sei die Homosexualität staatlich gefördert worden, unzählige Amtsstellen hätten zum Gelingen beigetragen und auch private Sponsoren seien zusätzlich überredet worden, ihren Beitrag zu leisten. Die Schwulen bestimmten heute, wie über Schwule zu denken und zu sprechen sei! Der Artikel der Weltwoche als PDF.
Beunruhigende und bedrohliche Tendenzen?
Die evangelikalen Bibeltreuen können nicht anders als in ihrer Lebensform – der Vater als Ernährer, die Frau am Herd und vier Kinder – den einzigen selig machenden Lebensweg zu sehen. Anderes können sie nicht akzeptieren. Speziell schwule Partnerschaften sehen sie als Bedrohung. Damit müssen wir leben. Kein Argument für unsere Lebensform kann bei ihnen auf einen fruchtbaren Acker fallen. Doch jeder hat das Recht, so zu leben wie er es selbst für richtig findet, sei es bibeltreu oder schwul. Das erfordert Anstand, Respekt und Akzeptanz. Auch wenn diese Bürgertugend sich meist als eine ziemlich einseitige erweist und es manchmal schwer fällt, sich daran zu halten.
Dass die katholische Kirche alles Sexuelle, das nicht dem Ziel der Fortpflanzung dient, als Akt der Sünde sieht, das ist auch sattsam bekannt. Nur interessiert das eigentlich kaum mehr jemanden. Warum aber Weltwoche-Journalisten einen solch polemischen Artikel verfassen, ist doch sehr seltsam und macht geradezu sprachlos – man kann nur raten: Provokation? Zeitgeist? Neurotischer Zwang? Minderwertigkeitsgefühle? Mangel an Themen? Dümmliche «Heile Welt»-Nostalgie? Anbiederung bei EDU-Wählern um für die SVP Stimmen zu gewinnen?
Solange keine politischen Bestrebungen auszumachen sind, die erreichte rechtliche Gleichstellung rückgängig zu machen, kann man den Weltwoche-Artikel als bösen Ausrutscher auf sich beruhen lassen. Doch der Artikel zeigt mit aller Deutlichkeit, dass es eine Gay-Pride, einen CSD auch nächstes Jahr und wohl noch viele weitere Jahre braucht. Unsere Bemühungen um Akzeptanz müssen weiter gehen.
Homosexuelle Paare und die Adoption
Der durchgeknallte Brüno legt sich im Film ein schwarzes Baby zu, «eingetauscht gegen einen iPod». Er nimmt damit die Stars auf die Schippe, welche sich pressewirksam ein Kind zulegen. Und die schwulen Paare, welche glauben, mit einem zugekauften Baby eine «normale» Familie zu werden.
Die Adoptionsfrage bewegt die Gemüter. Die Frage ist nur, ob die neu entfachte Debatte für die schwule Sache positiv oder negativ ist. Jedenfalls wird dieses Thema die bekannten Kreise ganz schön in Aufregung versetzen. Doch man kann hoffen, dass sich dabei die anderen Anliegen der LGBT-Community als etwas ganz Selbstverständliches im Bewusstsein der Bevölkerung etablieren werden. Und je länger man über die Kinderfrage debattiert, um so klarer wird man erkennen, es gibt gleichgeschlechtliche Paare, die mit Kindern leben, zwar ohne Adoptionsmöglichkeit, aber als gesellschaftliche Realität – mit Kindern, die ganz selbstverständlich erwachsen werden – ohne Anzeichen von durchgeknallter Tuntigkeit und sexueller Monsterhaftigkeit wie die Figur Brüno.
Was bewirkt der Film Brüno?
Wie gesagt, meiner Meinung nach ist es der Film nicht wert, angeschaut zu werden. Positiv werten darf man, dass die Schwulen-Satire als tauglich für das Mainstream-Kino angesehen und entsprechend beworben wird. Positiv ist auch, dass alle ihr Fett abbekommen – die sexgeilen Schwulen, die bibeltreuen Homo-Umerzieher, die eingefleischten Schwulenhasser, die heterosexuellen Swinger, die leutseligen Baby-Käufer, die zukurzgekommenen Promigeilen und auch die unverbesserlichen Publicity-Süchtigen. Die Comedy-Figur Brüno macht mit allen seine Bekanntschaft oder stellt sie dar. Vielleicht werden Schwule damit für «Normale» ein bisschen fassbarer.
Die Welt wird wohl die gleiche bleiben – der unnötige, verunglückte und intellektuell verdrehte Artikel in der Weltwoche bleibt hoffentlich eine Ausnahme.
Thomas Voelkin
Die Diffamierungskampagnen des nazibraunen Guggu und Scheinwerfers in den 30er-Jahren
Entgegnung von Volker Beck, nach einer «Weiterverwendung» des Weltwoche-Artikels in der deutschen Welt.

