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Gleiche Chancen für alle Familien

Interview mit Selina Meier und Wuddri Rim

Vorstandsmitglieder des Vereins familienchancen.ch

 

Wuddri Rim und Selina Meier beim Interview

 

Familie – familia, dieses aus dem Lateinischen stammende Wort mit der Bedeutung «Hausgemeinschaft», welches «Dienerschaft» und «Gesinde» mit einschloss, ist einer der emotionalen Hauptpfeiler unserer Gesellschaft. Die Familie ist eine universale Einrichtung und entstand aus der sehr langen Erziehungs- und Schutzbedürftigkeit des menschlichen Nachwuchses. Der Begriff Familie kann auch für die ganze Verwandtschaft gebraucht werden und ist in aussereuropäischen Kulturen viel weiter gefasst als bei uns. Infolge des bürgerlichen Zeitalters (ab 1830) in der westlichen Welt wurde die Familie immer enger verstanden. Die mit der Industrialisierung und den wissenschaftlichen/medizinischen Fortschritten einhergehende Erhöhung des Einkommens und der Lebenserwartung begünstigten den Zusammenhalt der Kernfamilie, bestehend aus Vater und Mutter und deren gemeinsamen leiblichen Kinder. Diese Kernfamilie wurde idealisiert als Urzelle des Staates.

Doch mit der gesellschaftlichen Öffnung ab Mitte der 60er Jahre und den grösseren wirtschaftlichen Freiräumen der Ehepartner brechen die traditionellen Kernfamilien immer öfter auseinander. Infolge der zunehmenden Scheidungen kommt es zu neuen Zusammensetzungen von Hausgemeinschaften von Erwachsenen mit Kindern, den sogenannten Patchworkfamilien. Will man diese Gemeinschaft festigen, wird wieder geheiratet und nach Möglichkeit werden die Stiefkinder adoptiert, sofern der leibliche Teil dem zustimmt oder diesem die Elternschaft abgesprochen werden kann. Dies vorwiegend wegen Nichtbezahlung der Alimente, andere Gründe sind selten (verschollen, im Gefängnis, zu grosse Distanz, psychiatrische Gründe).

Im Partnerschaftsgesetz sind die diskriminierenden Verbote der Adoption und der medizinischen Fortpflanzungsmedizin zwei Gesetzesbestimmungen mit sehr bedingten Wirkungen. Was ist, wenn eine Frau, die mit einer anderen zusammenlebt, schwanger wird? Wie der Staat darauf reagieren soll, darüber kann aus dem Gesetz nichts abgeleitet werden, ausser dass sie keinen Anspruch auf Abrechnung der allfälligen medizinischen Fertilitätsbemühungen über die Krankenkasse hat. Das Adoptionsverbot kann Hausgemeinschaften von gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kindern nicht verhindern, ausser der Aufnahme von fremden Babies über das Adoptionsverfahren und verunmöglicht die Stiefkindadoption. Die gedeihliche Entwicklung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften mit Kindern kann dadurch behindert werden. Der Verein familienchancen.ch will das ändern.

Am Samstag, 3. Oktober 2009, sammelte man in Bern Unterschriften für die Petition, welche die Streichung des Adoptionsverbots fordert. Im Anschluss führte Thomas Voelkin mit der Musikpädagogin Selina Meier (26) und dem Pflegefachmann Psychiatrie Wuddri Rim (24, in Ausbildung) ein Gespräch.

 

War die heutige Unterschriftenaktion erfolgreich?

Selina: Am Anfang war es etwas harzig. Es waren noch mehrheitlich ältere Leute unterwegs. Später als auch die jüngeren da waren, ging es besser. Wuddri: Wir haben gemerkt, wir sollten die Orte aufsuchen, wo sich die Jungen treffen. Da hatten wir mehr Erfolg.

 

Wie viele Unterschriften konnten heute gesammelt werden?

Selina: Zurzeit sind einige unsere KollegInnen noch am Sammeln, ich denke wir werden rund 200 Unterschriften zusammenkriegen.

 

Wie viele Unterschriften habt ihr schon gesamthaft zusammen?

Selina: Es sind sicher schon 5000. Die Initiative ist im Facebook entstanden. Adrian Mangold, 20 Jahre alt und Hetero, empfand die diskriminierenden Bestimmungen von denen er aus seinem Umkreis erfahren hat, als stossend. Er gründete eine Facebookgruppe zu diesem Thema, die regen Zulauf fand. Daraus entstand der Impuls für die Petition. Im Frühling bildete sich das Petitionskomitee. Die junge Generation ist nicht mehr bereit, staatliche Diskrimierung hinzunehmen.

 

Was ist euer Ziel, mit wie vielen Unterschriften möchtet ihr die Petition einreichen?

Selina: 70 000 wäre schön. Wir werden bis in den nächsten Sommer sammeln, der CSD und die Pride werden ein abschliessender Schwerpunkt sein. Das Jahresthema 2010 der Gay-Community ist ja auch die Familie.

 

Was bedeutet für euch der Begriff «Familie»?

Selina: Eine Familie ist dort, wo es Kinder hat. Das Zusammenleben von Erwachsenen und Kindern, die miteinander in persönlicher Beziehung stehen. Wuddri: Für mich ist die Familie eine soziale Gemeinschaft. Eine Eltern-Kind-Beziehung soll ein Teil davon sein können, egal ob es eigene oder adoptierte Kinder sind.

 

Was bedeutet der Begriff Familie für die Leute auf der Strasse?

Selina: Wir haben uns nicht speziell auf diese Diskussion eingelassen. Es gibt Leute, die wollen nicht hören, was wir zu sagen haben. Andere hören zum ersten Mal, dass man als gleichgeschlechtliches Paar von der Adoption ausgeschlossen ist und wollen sich zuerst ihre Meinung dazu bilden. Andere sagen spontan, ja das ist ungerecht und unterschreiben. Wuddri: Wenn jemand kein Interesse zeigt, dann lassen wir es bleiben. Wir sammeln Unterschriften, die Überzeugungsarbeit gehört in einen anderen Rahmen. Viele haben noch nichts von dieser Petition gehört.

 

Schon vier Jahre nach der Abstimmung über das Partnerschaftsgesetz möchtet ihr dieses mit einer Petition revidieren. Ist das nicht etwas übereilt?

Selina: Wir sind nicht der Meinung. Die Bevölkerung weiss nicht viel über die Existenz von Regenbogenfamilien. Es ist wichtig, dass eine Diskussion entsteht. Es wird noch viele Schritte brauchen, bis die Diskriminierungen abgeschafft sind. Wuddri: Das Partnerschaftsgesetz brauchte 10 Jahre bis es soweit war. Wenn wir noch 10 Jahre dazuzählen, wären es 14 Jahre bis zur Revision, das reicht!

 

Wie beurteilt ihr die Chancen der Petition im Parlament?

Wuddri: Wir wollen möglichst viele Parteien anfragen und für unser Anliegen gewinnen. Die Juso steht schon zu unserer Petition, auch die Präsidentin der Jungen FDP ist in unserem Unterstützungskomitee. Nach der Einreichung der Petition an die Bundesversammlung werden wir uns neu organisieren müssen und weitere Partner für unser Anliegen suchen.

 

Das Adoptionsverbot verstösst nach der Meinung vieler Juristen gegen das Diskriminierungsverbot der europäischen Menschenrechtskonvention. Wäre der Rechtsweg in einem konkreten Fall nicht besser und aussichtsreicher?

Selina: Da braucht es zuerst jemand, der die Kraft hat, diesen Weg einzuschlagen. Wuddri: Den Weg, den wir gehen wollen, finde ich besser. Unser Anliegen über die Gerichte zu erzwingen, könnte zu einer geringeren Akzeptanz in der Bevölkerung führen.

 

Das Adoptionsverbot für gleichgeschlechtliche Paare ist diskriminierend. Doch wie viele adoptionswillige Frauen- und Männerpaare gibt es?

Selina: Man schätzt in der Schweiz leben mindestens 6000 Kinder bei gleichgeschlechtlichen Paaren. Das ist doch recht beachtlich. Da sollte man doch die Möglichkeit der Adoption haben. Wuddri: Es geht auch um die Jungen, welche ihre Sexualität entdecken und merken, dass sie schwul oder lesbisch sind. Für sie bedeutet das gleichzeitig, es gibt keine Perspektive, eine Familie mit Kindern gründen zu können. Und es ist auch bei deren Eltern ein Thema, die können nicht Gross-eltern werden.

 

Kennt ihr einen Fall, in dem ein Kind, weil es nicht adoptiert war, nach dem Tod des leiblichen Elternteils versetzt wurde?

Selina: Einen konkreten Fall kenne ich nicht. Die Betroffenen sind wahrscheinlich auch nicht bereit, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Gehört habe ich von einem Frauenpaar, bei dem mit einer Samenspende ein Kind gezeugt wurde. Die Behörden haben die Frau unter Druck gesetzt, den Spender zu nennen, obwohl abgemacht war, der bleibt anonym. Die Behörden wollten diesen in die Pflicht nehmen. Dass das Kind eine zweite Mutter hat, wurde nicht in die Erwägungen miteinbezogen.

 

Jede Adoption muss von einer Kommission bewilligt werden. Glaubt ihr ernsthaft, ein Männerpaar das ein Baby adoptieren will, hat jemals eine Chance?

Wuddri: Wenn das Verbot nicht mehr besteht, dann sehe ich keinen Grund dies zu verweigern. Diese Kommission schaut die finanziellen Möglichkeiten und die geordneten Verhältnisse an. Fallen diese zufriedenstellend aus, muss die Kommission das Gesuch berücksichtigen. Selina: Eine Fremdadoption ist ein schwieriger Prozess, ob das nun ein hetero- oder homosexuelles Paar betrifft. Unser Hauptanliegen ist die Möglichkeit der Stiefkindadoption, hier besteht auch mehr Bedarf.

 

Wäre es nicht klüger, das Erreichte, ich meine das Partnerschaftsgesetz und die damit einhergehende gesellschaftliche Anerkennung, festigen zu lassen, anstatt mit der Einforderung der Adoption alles wieder in Frage zu stellen?

Wuddri: Für eine Rückgängigmachung des Partnerschaftsgesetzes brauchte es wieder eine Volksabstimmung. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass so was zustande kommt. Selina: Gleichgeschlechtliche Paare werden immer mehr gesellschaftliche Realität. Durch die Verpartnerung sind diese Paare auch sichtbarer. Dadurch steigt die Akzeptanz für diese Lebensweise.

 

Entfachen eure Forderungen über die Streichung von negativen Bestimmungen für ganz wenige nicht eine äusserst emotionale Diskussion, die schlussendlich kontraproduktiv sein könnte?

Selina: Das Thema Familie und Kinder ist sehr emotional, egal ob vor hetero- oder homosexuellem Hintergrund. Dem kann man nicht ausweichen, das schadet aber auch nichts für das Erreichte. Es braucht aber eine vertiefte Diskussion.

 

Wie soll diese Diskussion stattfinden?

Selina: Beispielsweise veranstalten wir ein Podium über Regenbogenfamilien unter dem Titel «Meine Eltern sind homo». Es werden erwachsene Regenbogenkinder (Kinder von gleichgeschlechtlichen Eltern) als auch gleichgeschlechtliche Eltern von kleinen Kindern anwesend sein. Das Podium soll dazu beitragen, Vorurteile in der Gesellschaft abzubauen. Wir wollen Erfahrungen zeigen, wie diese Kinder auf den gleichen Wegen ganz normal erwachsen werden. Das Podium soll die Diskussion anregen.

 

Haben es diese Kinder in der Schule nicht besonders schwer und werden von ihren Mitschülern deswegen gehänselt?

Selina: Kinder sind in der Schule den unterschiedlichsten Hänseleien ausgesetzt, das können auch rote Haare, die falschen Jeans oder die ethnische Herkunft sein. Früher wurden uneheliche Kinder von allen Seiten verachtet, das war auch schlimm. Gleichgeschlechtliche Eltern sind sich dieser Schwierigkeit eher bewusst und werden bemüht sein ihre Kinder und das Umfeld darauf vorzubereiten. Dass Hänseleien vorkommen, sollte keinen Grund sein, als Lesbe oder Schwuler auf Kinder zu verzichten. Eine Gesellschaft wird nur toleranter, wenn sie den Regenbogenkindern im Alltag begegnet und Gelegenheit bekommt ihre Meinung zu ändern. Es gibt Studien, die zeigen, Kinder die bei gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen entwickeln sich ganz normal. Diese Kinder sind meistens sozial wacher und haben ein stärkeres Selbstbewusstsein.

 

Möchtest du Kinder?

Selina: In jedem Fall, allerdings erst in ein paar Jahren. Am liebsten wäre mir natürlich ein Spender den ich kenne und zu dem auch das Kind einen Bezug hat. Da kommt am ehesten ein Schwuler in Frage. Heteros eignen sich weniger, weil die Kinder würden in Konkurrenz stehen mit anderen leiblichen Nachkommen aus heterosexuellen Beziehungen.

 

Selina und Wuddri, vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche euch viel Erfolg, ihr habt mich davon überzeugt, der Einsatz für die Streichung der Verbote im Partnerschaftsgesetz ist nötig und wird Erfolg haben.

 

Die Meinung
von Network

Klares Votum der Mitglieder für die Aufhebung des Adoptionsverbotes. Mehr >>


Studie

«Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder».

Die Studie der Universität Bamberg als PDF >>


Zusammenfassung vom deutschen LSVD der Studie


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