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Fachgruppe Homosexualität der CVP Schweiz

«Ich mag Ideologien nicht»

Interview mit Stefan Gassmann, Leiter der Fachgruppe Homosexualität der CVP Schweiz

 

Sefan Gassmann, Jahrgang 1977, ist im luzernischen Dagmersellen aufgewachsen. Er hat Architektur studiert und arbeitet heute als Projektleiter bei einem Architekturbüro in Baar. Stefan ist liiert und lebt in Luzern. Schon mit 18 Jahren politisierte er in der CVP. Zuerst in der jungen CVP Luzern, die er auch eine Zeit lang präsidierte. Bei der Mutterpartei ist er seit 1998. Stefan ist Gründungsmitglied und Leiter der Fachgruppe Homosexualität CVP Schweiz. Thomas Voelkin führte mit ihm ein Gespräch.

 

Stefan, was interessiert dich hauptsächlich an der Politik?

Politik ist ein Wettbewerb von Ideen und Interessen. Dabei ist mir die Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl wichtig.

 

Warum bist du Mitglied bei der CVP?

Da gibt es verschiedne Gründe. Ich mag Ideologien nicht, da sie das Denken schmälern und die Sicht blenden können. Die Welt braucht Werte und die CVP vertritt sie. Diese «christlichen» Grundwerte sind mir wichtig, da sie das moralische Fundament des Zusammenlebens sind, auf das wir unser Handeln abstützen. Wir sind eine Volkspartei, alle sind eingeladen mitzumachen – also Diversity pur. Dadurch pflegen wir auch eine Diskussionskultur, die auf gegenseitigem Respekt und Anstand aufbaut. Die CVP löst die Probleme und benennt sie nicht nur. Die CVP sieht sich dem Gemeinwohl verpflichtet, was mir auch sehr wichtig ist.

 

Für mich ist die CVP vor allem eine christliche, katholische Partei? Ist das nicht mehr so?

Die CVP war schon immer heterogen. Heute muss man nicht mehr Christ sein, um dazu zu gehören. Man braucht lediglich hinter unseren Grundwerten zu stehen. Diese Grundwerte sind ja genau genommen vor allem durch die Aufklärung mitgeprägt worden. Sie werden einfachheitshalber als «christlich» zusammengefasst. Wir sind kein verlängerter Arm der katholischen Kirche. Bei der Basis gibt es schon noch Leute, die das so sehen. Doch dieser Teil macht sich heute nur noch am Rande bemerkbar. Zitate aus der Bibel sind in den Diskussionen selten geworden.

 

Warum braucht es eine Fachgruppe Homosexualität in der CVP?

Wir sind eine Volkspartei, da gehören alle dazu, auch Lesben und Schwule. Man hat aus der Tradition heraus noch Berührungsängste. Als wir mit der Idee einer Fachgruppe an die Parteileitung gelangten, hat man uns unterstützt. Die CVP möchte auch in diesem Bereich Kompetenz haben. Einerseits wollen wir Berührungsängste abbauen, andererseits wollen wir die Anliegen der Gay-Community in der Partei sichtbar machen um so Unterstützung zu erhalten. Die Fachgruppe arbeitet im Auftrag des Parteipräsidiums und wurde vom Parteivorstand gut geheissen. Dadurch haben wir eine fundierte Legitimation in der Partei.

 

Was konnte die Fachgruppe Homosexualität bis jetzt bewirken?

Viele haben uns gewarnt, es gebe einen Aufstand in der Basis, wenn sie von der Fachgruppe hören. Wir waren nun in den Medien, teilweise mit reisserischer Aufmachung. Der prognostizierte Wirbel blieb jedoch aus, nur einige wenige haben sich beschwert. Die Politiker haben gemerkt, für unsere Anliegen gibt es einen Spielraum.

Konkret sind wir betreffend dem Blutspendeverbot für homosexuelle Männer mit den zuständigen Stellen in Kontakt, um Lösungen für die Aufhebung dieser Regelung zu suchen. Daneben erarbeiten wir Strategien und Vorgehensweisen in den Themen Antidiskriminierung und der Stiefkindadoption. Und natürlich gilt es weiterhin unsere Parteibasis zu sensibilisieren.

 

Die römisch-katholische Kurie verurteilt immer wieder Homosexualität. Was denken die hauptsächlich katholischen Parteimitglieder darüber?

Ich komme aus einer katholischen Familie. Draussen an der Basis vertreten Priester und Pfarreileiter meist eine viel neuzeitlichere, liberalere Ansicht als Rom. Je nach der Gegend auf dieser Welt ist man papsttreu oder nicht. Die Schweiz hat die Aufklärung erlebt, und man kann nicht erwarten, dass im Zeitalter des Internets alle nur das glauben, was von der Kanzel kommt. Der Katholizismus spielt in unserer Partei heute eine marginale Rolle.

Viel wichtiger für die Basis sind traditionelle normative Familienwerte. Das Wunschbild nach Frau, Mann, zwei Kinder, Einfamilienhaus, Familienkombi, Stewi und Rasenmäher ist schon noch verankert. Betreffend Regenbogenfamilien können wir uns neustens auf einen unseren Haustheologen stützen; Dr. Markus Arnold (Präsident CVP Kanton Zürich) hat mit dem Buch «Politik und Ethik in christlicher Verantwortung» einen Leitfaden für christliche Politiker verfasst. Darin werden auch die schwulen Themen angesprochen, die Möglichkeit der Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare wird darin positiv bewertet.

 

Wo besteht Handlungsbedarf in der Schweizer Schwulenpolitik?

In den Schulen muss die Aufklärung über Homosexualität ein Bestandteil des Unterrichts werden. Daneben gibt es Immigrantengruppen die unsere Werte zu respektieren haben. Wir müssen darauf achten, dass unsere Errungenschaften erhalten bleiben. Dazu natürlich der Abbau der noch bestehenden Rechtsungleichheiten, vor allem bei der Adoption. Ebenso ein Anliegen ist, dass unsere Errungenschaften auch im näheren und weiteren Ausland gelten. Da möchten wir helfen.

 

Im Herbst sind Wahlen, warum soll ein Schwuler die CVP wählen?

Die Anliegen welche wir haben, die Aufhebung des Adoptionsverbotes und ein griffiges Antidiskriminierungsgesetz kann man nur realisieren, wenn es in Bern eine starke Mitte gibt. Die Linke (SP und die Grünen) können unsere Anliegen benennen und gerade mal etwas Staub aufwirbeln mit Vorstössen. Eine mehrheitsfähige Lösung stricken können nur die Mitteparteien. Sind die politischen Pole stark, wird es für unsere Anliegen sehr schwierig.

 

Strebst du ein politisches Mandat an?

Ja, ich kandidiere für den Luzerner Kantonsrat am 10. April. >>

 

Welche allgemeinen Themenbereiche werden in deinen Augen die Schweizer Politik in der nächsten Zeit am meisten beschäftigen?

Wir sind als Schweiz ein starker, gesunder, fiter Player in dieser Welt. Aber wir sind klein. Es gibt die grossen aufstrebenden Länder wie Indien, China, Brasilien. Wir stehen vor einer Verknappung der Ressourcen. Und es gibt das Szenario von Kulturkämpfen, die auf uns zukommen könnten.

Für die Schweiz bedeutet das, wie sichern wir Rohstoffe und Energie? Wie verändert sich die Sicherheitslage? Die Welt wird sich verändern, es kann eine globale Werte-Diskussion geben. Unser Leben und unsere Werte werden immer mehr von aussen beeinflusst, das ist unausweichlich, aber das beinhaltet nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Es wird auf jedenfalls spannend.

 

Hast du ein Anliegen, das du noch anmerken möchtest?

Ich habe manchmal den Eindruck, in der Gay-Community hat man das Gefühl, man hat ja alles erreicht, jetzt kann man das Leben geniessen. Wir dürfen im Kaufleuten Party machen, am Fernsehen Sendungen moderieren – doch das heisst noch lange nicht, dass wir uns betreffend wirklicher Akzeptanz auf die Seite legen können.

 

Du bist seit fünf Jahren Mitglied von Network. Was bedeutet dir unser Verein?

Die Vernetzung, Die gegenseitige Unterstützung, der persönliche Austausch, das immer wieder neue Kennenlernen von interessanten Menschen, das Entstehen und Pflegen von Freundschaften sind bedeutende Aspekte für mich bei Network geworden.

So sind wir zusammen stark im Engagement für Gleichberechtigung, Toleranz und Solidarität.

 

Stefan, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

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